Ich mußte mir alle Mühe geben, um über die Vertauschung des Rechts mit den schönen Künsten erfreut zu scheinen; allein mein Herz war von Traurigkeit und Dankbarkeit so erfüllt, daß kein andres Gefühl darin Platz fand. Nach Verlauf weniger Augenblicke zog ich mich zurück, nachdem ich meinen Oheim herzlich umarmt hatte.


Hierdurch erklärt sich meine zweite Bemerkung. Und jetzt, Leser, wirst du begreifen, da ich nun Künstler geworden und einer aus dem Volke geblieben war, daß mich ein zwiefaches Verlangen nach den Weingeländen zieht oder mich antreibt, eine Rolle mitzuspielen. Und noch ein anderer Grund kommt dazu: das Vergnügen, dieselben Orte zu besuchen, wo ich vordem mit meinem Oheim gegangen war. Selber an der langen Tafel sitzend, stelle ich mir ihn vor, wie er durch die umliegenden Büsche streift, stehen bleibt, um zu hören, um dies oder jenes zu beobachten, sein Lächeln umschwebt mich wie ein Zephyrhauch und die Erinnerung an ihn wird lebendiger.

Uebrigens gewähren diese Orte, abgesehen von der Kunst, welche dort reichliche Nahrung findet, die wahrsten und achtbarsten Vergnügungen unter denen, die man im Familienkreise hat. Die Sitte beherrscht und zügelt die Freude, wie Einfachheit den Reiz derselben erhöht. Welch unschuldige, süße Spannung gewährt nicht an den oft so unangenehmen Wochentagen die Hoffnung auf die Augenblicke, wo man seine Familie mit der eines Freundes oder Nachbars vereint, um auf die Flur hinauszugehen, unter die reizenden Schatten der Buchen oder unter die Kastanienbäume auf die Berge! Wie strahlend erscheint nicht Sonntags die Sonne, wie glänzend das Blau des Himmels! Nach den frommen Pflichten, welche diesen Tag heiligen, gehen bei Zeiten, schon um Mittag, denn die Tageshitze scheint dem nicht schwer, dessen Schritt die Freude belebt, die Familien hinaus vor die Stadt und die fröhlichen Gesichter stehen im Einklange mit dem lebendigen Aussehen der Festkleider. Der Schritt der Eltern, der des Großvaters, wenn derselbe noch Theil an den Vergnügungen nimmt, regelt den Gang; nichts desto weniger scherzt man frei nach allen Seiten hin, und das junge Mädchen, welches den Jünglingen zu gefallen sucht, wie das ihr unvermeidlicher Trieb ist, fühlt sich vor dem bewachenden Auge der Mutter nicht durch falsche Zurückhaltung oder trauriges Sprödethun gefesselt. Gelächter, Spiele, neckische Munterkeit, eine frische Laune bringen die muthwillige Truppe durcheinander und beleben sie; die Eltern plaudern im Lärm dieser Lust, und hinter ihnen verjüngt selbst der Großvater sich am Gewühle dieser Freuden des ihm entgegengesetzten Alters.

Aber das sind nur erst die Vorspiele. Man kommt unter die Buchen: die Frische, die Ruhe, eine besetzte Tafel thut Allen wohl; die Speisen mögen sein wie sie wollen, Eßlust und Glück verleihen ihnen eine kostbare Würze. Selbst die verdrießlichen Uebelstände einer ländlichen Küche sind nur eine Veranlassung zur Fröhlichkeit, ein gefundenes Willkommen für die zum Scherz gestimmte Gesellschaft. Dem Großvater aber wird jede Rücksicht gezollt, man trifft die Anordnungen, wie sie ihm bequem sind, berücksichtigt, was ihn innerlich freuet, der Lärm wird seinetwegen gemildert, jeder Jüngling macht sich eine Ehre daraus, ihm Ehrerbietung zu zollen, und schätzt es sich zum Glücke, daß er so eine Gelegenheit findet, einen Anspruch auf die Nichte des Greises zu erlangen.

Und welch' entzückende Augenblicke folgen nicht jetzt! Die Gruppen zerstreuen sich, die weißen Gewänder glänzen hier und dort auf dem Rasen ringsum. Der Einfluß des Abends erweckt heitere Gespräche, eine größre Vertraulichkeit; auf die Ausgelassenheiten des Mahles folgt ein süßes Sichgehenlassen, und des herannahenden Tages Ende macht die Augenblicke kostbarer. Ich leugne es gar nicht, daß, während die Eltern an der Tafel sitzen bleiben, um fortzuplaudern, oder an einem ruhigen Plätzchen schlummern, nicht manch' zärtliches Wörtchen ausgetauscht ward; daß das Vergnügen, sich von den Uebrigen wegzustehlen, nicht lebhaft sei, daß Wonne und Verwirrung die Pulse nicht heftig pochen machen, daß endlich nicht auch mancher sich verrechnet hatte, wenn von der Buchenlaube das Zeichen der Wiedervereinigung und des Aufbruchs erschallt.

Wo wäre da etwas Uebles daran? Wie können junge Leute sich besser kennen, sich lieben lernen und zu Gatten erkiesen? Wahrlich, die plaudernden oder schlummernden Eltern haben Recht, daß sie nicht fürchten, was sie andrerseits nicht bemerken wollen; sie haben das Gefühl gegenseitiger Ehrbarkeit zum Bürgen, daß im Schoose der Familie sich alles rein gestaltet, daß sie in ihrer Vereinigung ein Heiligthum ist, aus dem jede Unlauterkeit verbannt ist.

So waren die Belustigungen unserer Eltern; Spuren davon sind allerdings noch da, aber sie verschwinden mehr und mehr in der allgemeinen Verschmelzung der Sitten, in der sie sich allzumal so die alte Derbheit wie die alte Gutmüthigkeit verlieren; in der sich die einfachen, durch Arbeit errungenen Freuden, die Annehmlichkeiten des Brudersinns und die heiligen Bande der Familie von Tag zu Tag gegen ein zunehmendes Wohlleben, das aber ohne Würze ist, austauschen.


Aber was zu allen Zeiten am meisten verheerend in die Einfachheit und Gemüthlichkeit der Vergnügungen fällt, das ist das Knötchen, das unbezähmbare Knötchen. Das Knötchen ist's, von dem die Reihen dieser liebenswürdigen, achtbaren Spaziergänger gelichtet werden, von ihm werden diese geräuschlosen und nicht kostspieligen Vergnügungen in Acht erklärt; das Knötchen stellt an seinen Mann die Anforderung, auf irgend einem öffentlichen Platze zu paradiren; es empfiehlt ihm Bart und Sporen, die nur in der Thüre eines Kaffeehauses oder auf dem Pflaster einer Straße von gutem Tone einen Werth haben; es ist's, das ihn Sonntags seine Straße, seinen Laden, seinen Vater selber und die Orte, wo derselbe weilt, meiden läßt; es läßt ihn Vergnügen an dem Rößlein finden, welches ihn in einem Stücklein Fiaker, das gelb wie eine alte Stiefelstulpe ist, hinschleppt bis zu einer räucherigen Kneipe; es ist's eben so sehr und gar noch mehr als das Vergnügen, das ihn aus der Gesellschaft der Seinigen scheucht und ihm jenen unehrbaren Ton, jene frechen Reden eingibt, worin er sich mit den Freunden seiner Wahl belustigt.