Ja, das Knötchen ist's, welches den Menschen regiert! Ist's nicht in dieser einen Gestalt, so ist's in einer andern, und zwar wird es stets heftiger, je besser die Verhältnisse des Menschen sich gestalten. Das Knötchen ist's, welches seine Vergnügungen verflacht, seinen Geist verdummt, sein Herz verdirbt. Wenn Leidenschaften oder die Wechselfälle des Lebens, wenn persönliches oder allgemeines Unglück seine Stimme nicht übertönen, so gebietet es unumschränkt über den Menschen wie über die Gesellschaft. Die Sitten, die Gebräuche, die Empfindungen des Einzelnen und Aller richten sich nach seinem Willen oder wechseln nach der geringsten seiner Launen. Dann trennen oder einen sich die Menschen, nicht wahren Unbills oder heiliger Sache willen, sondern um elende Vortheile, wegen des falschen Glanzes, worin sie strahlen, wegen des Flitterstaats, der ihr hohles Gemüth bedeckt. Dann sieht man sie Staub auf Ihresgleichen schütten, einzig und allein in dem glühenden Begehren, die ihnen Voranstehenden einzuholen; dann tritt die Gleichgiltigkeit an die Stelle des Brudersinns, ein neidisches Begehren an die des theilnehmenden Herzens und leben heißt nicht mehr lieben, sich freuen, sondern scheinen!

Und wenn Zeiten wie die unsrigen schon durch die Verweichlichung des Wohllebens und die faden Schaubilder, die sie bieten, zur Erweiterung der Herrschaft des Knötchens geeignet sind, so sind sie es noch mehr durch die Lauheit der Gemüther, durch die Richtigkeit der Ueberzeugungen, durch jenen falschen Schimmer der Gleichheit, womit die Menschheit voll unsinnigem Begehren sich wohlgefällig brüstet. Wie viel Raum zu Wachsthum und maßloser Ausdehnung bieten nicht dem Knötchen jene Herzen dar, in denen keine Flamme lodert, kein Glaube wurzelt, keine Leidenschaft in den Tiefen rüttelt! Welch ungemeines Gebiet eröffnet ihm nicht das Prinzip der Gleichheit, so wie es ausgelegt und von denen gepredigt wird, die nicht daran glauben, noch daran halten; begierig aufgenommen von denen, die es nicht verstehen; angenommen nur als das Recht, die Pflicht, die Sucht, den Höherstehenden sich gleich zu stellen! Seht hin, wie sie sich alle in den Tummelplatz stürzen, wo, nichts destoweniger, obgleich man sich hat stoßen, erdrücken, verstümmeln lassen, die Einen immer an der Spitze stehen und die Anderen auf der untersten Stufe... Statt an ihrem Platze zu bleiben und denselben zu verbessern, verachten sie ihn voll Verdruß und Scham, daß sie denselben einnahmen, und brennen vor Ungeduld, einen andern einzunehmen, vor Begierde, auch sich zu brüsten. O ihr Einfältigen, Menschen ohne Herz, die an ihren dünnen, aber zahllosen Fäden die schmählichste aller Leidenschaften, die Eitelkeit, leitet!


Das Knötchen ist also, richtig erwogen, ein trauriger Rathgeber, ein erbärmlicher Herrscher; und wenn es auch nicht möglich ist, es mit der Wurzel auszureißen, so ist es wenigstens die Pflicht eines vernünftigen Menschen, es stets zurückzudrängen, und wo er einen Sproß desselben aufschießen sieht, ihm entgegenzuwirken.

Seit zwanzig Jahren habe ich dies ernstlich betrieben und glaube, daß ich manche Keime erstickt, manche Sprößlinge des Knötchens unterdrückt habe; aber kann ich behaupten, daß ich mein Knötchen vertilgt habe? das wäre eine Lüge. Ich fühle sein Dasein; obgleich es nicht mehr so gefräßig ist, so hat es doch noch eine beträchtliche Dicke, und ist bei der geringsten Veranlassung bereit, üppige Sprossen zu treiben und alle guten Keime zu ersticken, denen ich auf seine Unkosten ein Plätzchen angewiesen habe. Sonderbar! Ueber gewisse Grenzen hinaus schlägt unsre Kraft wider uns selbst zurück; will man das Knötchen ausrotten, so verleiht man einem andern Knötchen daneben das beste Gedeihen. Und man sagt: Ich kann mir schmeicheln, daß ich keine Eitelkeit besitze; aber das ist schon an und für sich eine Eitelkeit. Drum habe ich, weil ich das Ganze nicht vermochte, das Nothwendigste gethan. Ich habe ihm meine Gemälde, meine Bücher zum Spielplatze eingeräumt, doch dabei ihm jegliche Vorrede untersagt, obgleich es mir jedes Mal dazu rieth; aber es gibt noch weit wichtigere Dinge, die ich vor seiner Berührung in Sicherheit gebracht habe.

Und so nun sind meine Freundschaften. Ich will, daß daran gar nichts Bemerkenswerthes sei. Ich will, daß das Band derselben frei bleibe, aber stark; ich will, daß die Quelle derselben tief, stets frisch und rein sei, geschützt vor dem Zephyr und geschirmt vor dem Unwetter; es möge nicht der wilde Bach sein, der sich über jegliche Klippe stürzt, um jeden Vorsprung spaltet, und dessen bald erhitzte, bald kalte Welle jegliche Blume tränkt, sich mit jedem Dufte schwängert, nach der Farbe des Himmels oder mit dem Rande seines Bettes das Aussehen ändert. Ich will in meinem Freunde seine Zuneigung zu mir lieben, den Reiz, den ich empfinde, ihn wie mich selbst zu lieben, unsere gemeinschaftlichen Erinnerungen, unsere gegenseitigen Hoffnungen, unsere vertrauten Unterredungen, sein dem meinigen bekanntes Herz, seine Tugenden, welche meine Seele fesseln, seine Talente, aus denen mein Geist Genuß schöpft, und nicht seinen Wagen, sein Haus, seinen Rang, seine Stellung, seine Macht oder seinen Ruf will ich lieben. Ich will es, Knötchen! also schweig!

Und nun meine Freuden – die sind folgender Gestalt. Ich will sie suchen, wo mein Herz sie findet, ohne Rücksicht auf das Kleid der Leute oder die Vergoldung der Wände. Ich will einfache, wo möglich aber wahre, beständige; solche, die ihre Reize von irgend einer Würze des Herzens oder des Geistes, aus irgend einer lebendigen und anständigen Neigung, aus irgend einem unschuldigen Triumphe empfangen haben, der über Trägheit, Sünde, Eigennutz erfochten ist; ich will sie in dem Vergnügen Anderer weit eher finden, als in dem meinigen; denn das ist die beste Freude, die sich mittheilt, sich ausbreitet, im Kreise schwirrt und das Herz mit erweiternder Wärme durchzieht. Also, fort, Knötchen! Laß mich unter den Buchen bei den wackeren Leuten. – Aber man bemerkt dich! – Mir einerlei. – Aber du bist in Hemdärmeln! – Desto kühler befinde ich mich. – Aber es sieht aus, als gehörtest du zu ihres Gleichen! – Das meine ich auch. – Da, sieh ein Wagen!... – Laß ihn fahren. – Und dort Städter, die dich kennen! – Grüße sie von mir und scher' dich fort, Knötchen!

So schließlich ist meine Ansicht, meine Weise, nicht allein mich zu benehmen, sondern auch Andere zu beurtheilen, abzuwägen, was sie taugen, und sie in meiner Achtung abzuschätzen. Noch einmal, von hinnen, Knötchen! Du bist der Vater der Dummheit, wenn nicht die Dummheit selber. Von hinnen! Ich sehe, als was du dich vor mir darstellst, von wem du zu mir kommst, du triffst oft Gutes und Schönes bei dieser Außenseite, die dich verlockt, aber du triffst auch Gutes und Schönes unter dem Kittel, den du verachtest. Bevor du diese Menschen wägst, erlaube, daß ich sie, den Einen wie den Andern, entkleide. Knötchen! ich hatte einen Oheim, dessen du dich mehr geschämt als gerühmt hättest... ich habe eine Jüdin geliebt, die du nur mit Verachtung angeblickt hättest... Von hinnen! auf immer fort von mir!!


Außer meinem Oheim Tom, mir und dem bereits früher erwähnten Maler gab es noch andere Miethsleute in dem Hause. Ich will sie der Reihe nach von unten bis oben aufzählen, um so bis zu dem zu gelangen, der dem Himmel am nächsten wohnte und den Weg dahin um diese Zeit etwa einschlug, eine schöne Dachwohnung gen Norden freilassend, wo ich mich einrichtete.