Es war so gut, sich wiederzufinden, nachdem man sich so lange verloren hatte. Sie weinte lange am Halse Clerambaults. Dann half sie ihm sich umkleiden, wusch ihm die Wange mit Arnika und trug seine Kleider fort, um sie ausbürsten zu lassen. Bei Tisch behütete sie ihn mit treuen, unruhigen Augen und versuchte, ihn von seinen Sorgen abzulenken, indem sie von altvertrauten Dingen sprach. Und wie sie so beide an diesem Abend allein und ohne Kinder im Hause waren, kam die Erinnerung an lang vergangene Jahre, an die erste Zeit ihrer Ehe zurück. Und dieses geheime Wiedererinnern hatte eine melancholische und verklärte Milde, wie das Vesperläuten über das Dunkel noch ein letztes warmes Leuchten des verlorenen Mittagläutens hinklingen läßt.

Gegen zehn Uhr abends ging noch einmal die Glocke. Es war Julian Moreau mit seinem Freunde Gillot. Sie hatten die Abendblätter gelesen, die auf ihre Art über den Vorfall berichteten. Die einen sprachen von einer exemplarischen Züchtigung durch die öffentliche Verachtung und rühmten die „spontane“ Entrüstung der Menge. Die anderen, die ernsten Blätter, taten so, als ob sie prinzipiell eine Volksjustiz, die sich auf der Straße Luft machte, für ungehörig erklärten, aber sie schoben die Verantwortung dafür auf die Schwäche der Regierung, die solange zögerte, Licht in die Affäre zu bringen. Es war gar nicht unwahrscheinlich, daß dieser Tadel der Regierung von der Regierung selbst inspiriert war, denn die geschickten Politiker lassen sich bei manchen Gelegenheiten zu gewissen Dingen zwingen, die sie gern selbst tun möchten, aber auf die sie nicht sehr stolz sind. Die Arretierung Clerambaults schien also unmittelbar bevorzustehen. Moreau und sein Freund waren darüber beunruhigt, aber Clerambault machte ihnen ein Zeichen, sie sollten in Gegenwart seiner Frau schweigen und führte sie, nachdem er einige Zeit über den Vorfall in heiterer Weise gescherzt hatte, in sein Zimmer. Dort fragte er sie, was sie beunruhigte. Sie zeigten ihm einen haßerfüllten Artikel jenes nationalen Blattes, das seit Wochen die Hetze gegen Clerambault aufführte. Die Manifestation von heute hatte jene auf den Geschmack gebracht, und sie forderten ihre Freunde auf, sie morgen zu wiederholen. Moreau und Gillot befürchteten Gewalttätigkeiten, wenn sich Clerambault in den Justizpalast begeben würde, und sie waren gekommen, um ihn zu überreden, nicht auszugehen. Sie kannten seinen ein wenig furchtsamen Charakter und glaubten, ihm nicht besonders zusprechen zu müssen. Aber ebensowenig wie damals, als Moreau ihn mitten in einer Ansammlung diskutierend getroffen hatte, schien Clerambault sie zu verstehen.

„Ich soll nicht ausgehen? Warum denn nicht, mir fehlt doch nichts?“

„Aber es wäre klüger!“

„Im Gegenteil, es wird mir gut tun.“

„Aber man weiß nicht, was Ihnen zustoßen kann.“

„Das weiß man niemals, dazu hat man noch Zeit, sobald es einmal geschehen ist.“

„Also, um aufrichtig zu sprechen: es ist gefährlich. Man reizt schon seit langem die Leute auf. Sie sind heute verhaßt und Ihr Name genügt, ein paar von den Dummköpfen, die Sie nur durch ihre Zeitungen kennen, bis zum Platzen zu ärgern. Und diese Antreiber suchen ja nur einen Eklat. Gerade durch die Ungeschicklichkeit Ihrer Gegner haben Ihre Worte mehr Echo gefunden, als Sie dachten. Nun fürchten sie, daß diese Ideen sich Bahn brechen und wollen ein Exempel statuieren, um alle abzuschrecken, die Ihrer Meinung sind.“

„Ja, aber“, sagte Clerambault, „wenn es wirklich solche gibt, die meiner Meinung sind — ich war dessen bisher noch nicht gewiß — so darf ich mich in einem solchen Augenblick doch nicht zurückziehen. Will man an mir ein Exempel statuieren, so muß ich es über mich ergehen lassen.“

Er schien so guten Mutes, daß die beiden sich fragten, ob er sie wirklich verstanden habe. „Ich wiederhole Ihnen“, sagte Gillot nochmals, „daß Sie viel riskieren.“