„Perrotin, es ist mir oft in den Sinn gekommen, daß wir alle nicht unsere Pflicht tun, wir geistigen Menschen und Künstler alle.... Nicht nur heute sondern seit langem schon, seit immer. Wir haben bei uns einen Teil Wahrheit und Erleuchtung, die wir aus Vorsicht in uns zurückbehalten. Mehr als einmal habe ich das mit dunkeln Gewissensbissen gefühlt. Aber damals hatte ich noch Angst, in mich hineinzuschauen. Erst die Prüfung hat mich sehen gelehrt. Wir sind Bevorzugte, wir sind eine privilegierte Klasse, das gibt uns auch Pflichten, Pflichten, die wir nicht erfüllen, denn wir haben Angst, uns zu kompromittieren. Die Elite des Geistes ist eine Aristokratie, die vorgibt, jener des Blutes nachzufolgen; aber sie vergißt, daß jene im Anfang die Privilegien mit ihrem Blute bezahlte. Seit Jahrhunderten hört die Menschheit viele Worte von weisen Männern, aber nur selten sieht sie einen dieser Weisen sich hinopfern. Und das würde der Welt ganz gut tun, wenn sie hie und da einmal einen sehen würde, der sein Leben für seinen Gedanken hingibt. Nichts wahrhaft Fruchtbares kann ohne das Opfer geschaffen werden. Um die anderen glauben zu machen, muß man selbst gläubig sein, muß beweisen, daß man gläubig ist. Es genügt nicht das bloße Dasein einer Wahrheit, damit der Mensch zu ihr aufblicke, es ist nötig, daß dieses Dasein ein lebendiges Leben habe. Und dieses Leben können, dieses Leben müssen wir ihr geben — das unsere! Sonst sind all unsere Gedanken nur Dilettantenspiele, eine Theaterspielerei, die einzig auf Theaterapplaus ein Anrecht hat. Nur solche Menschen haben die Menschheit vorwärtsgebracht, die ihr eigenes Leben zur Stufe machten. Dieses ist es auch, was den Zimmermannssohn von Galiläa über alle unsere großen Männer erhoben hat. Die Menschheit wußte wohl einen Unterschied zu machen zwischen den anderen und dem Heiland.“

„Und der Heiland? Hat er sie gerettet?.... ‚Wenn Gott Zebaoth so beschlossen hat, so schaffen die Völker für das Feuer.‘ “

„Ihr Feuerkreis ist das letzte Schreckbild. Der Mensch ist nur dazu da, um ihn zu zerbrechen, um zu versuchen, sich ihm zu entringen, frei zu sein.“

„Frei?“, sagte Perrotin mit seinem ruhigen Lächeln.

„Ja, frei! Freiheit ist das höchste Gut, ein ebenso seltenes, wie ihr Name ein abgebrauchter ist, so selten wie das wahre Schöne, wie das wahre Gute. Frei nenne ich den, der sich von sich selbst, von seinen Leidenschaften, seinen blinden Instinkten, von jenen der Umgebung und des Augenblickes loslösen kann, zwar nicht um seiner Vernunft zu gehorchen, wie man meist sagt (denn die Vernunft in dem Sinne, wie Sie sie verstehen, ist ja nur ein anderes Wahnbild, eine andere verhärtete, vergeistigte und darum fanatisierte Leidenschaft), sondern um zu versuchen, über die Staubwolken hinauszusehen, die sich von den Menschenherden auf den Straßen der Gegenwart erheben, um zu versuchen, den Horizont zu umfassen und alles Geschehen in der Gesamtheit der Dinge und der Weltordnung zu begreifen.“

„Und sich dann“, unterbrach ihn Perrotin, „den Weltgesetzen zu unterwerfen und anzupassen.“

„Nein“, erwiderte Clerambault, „um sich ihnen mit vollem Bewußtsein entgegenzustellen, sobald sie dem Glück und dem wahrhaft Guten nachteilig sind. Denn darin besteht ja die Freiheit, daß der freie Mensch in sich selbst ein Weltgesetz ist, ein bewußtes Gesetz, dessen einzige Aufgabe es ist, das Gegengewicht für die zerschmetternde Maschine, für den Automaten Spittelers, die eherne Ananke zu bilden. Ich sehe das Weltwesen noch zu drei Vierteilen in der Scholle, in der Rinde, im Stein gebunden, den unbarmherzigen Gesetzen der Materie unterworfen, in die es eingebannt ist. Nur der Blick und der Atem sind frei. „Ich hoffe“, sagt der Blick. „Ich will“, sagt der Atem. Mit diesen beiden sucht es sich loszuringen. Der Blick, der Atem, das sind wir, das ist der freie Mensch.“

„Mir genügt der Blick“, sagte sanft Perrotin.

Clerambault erwiderte:

„Habe ich keinen Atem, so gehe ich zugrunde.“