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Beim geistigen Menschen bedarf es immer einiger Zeit vom Wort bis zur Tat, und selbst wenn er schon zu handeln beschlossen hat, findet er noch immer verschiedene Vorwände, um die Ausführung auf den nächsten Tag zu verschieben. Er sieht zu deutlich alles, was kommen wird, sieht die Kämpfe und Mühen voraus, und bezweifelt von vornherein den Erfolg. Um sich aber selbst über seine Unruhe hinwegzutäuschen, verausgabt er sich in Kraftreden entweder mit sich allein oder im engsten Freundeskreise, und verschafft sich so die billige Illusion, schon tätig zu sein. Im tiefsten Grunde seines Wesens glaubt er jedoch selbst nicht daran, er wartet wie Hamlet auf die Gelegenheit, die ihn zur Tat zwingen soll.
So tapfer auch Clerambault in seinem Gespräche mit dem nachgiebigen Perrotin gewesen war, fand er doch, kaum heimgekehrt, alle seine Bedenken wieder. Seine durch das Unglück geschärfte Feinfühligkeit spürte nur zu gut die Erregung der Seinen rings um ihn und ließ ihn den Zwiespalt vorausahnen, den seine einmal ausgesprochenen Worte zwischen seiner Frau und ihm hervorrufen würden. Und noch mehr: er fühlte sich der Zustimmung seiner Tochter nicht mehr sicher, er hätte nicht sagen können, weshalb, aber er fürchtete die Probe zu machen. Für ein zärtliches Gemüt wie das seine war schon der Versuch eine Qual....
Inzwischen schrieb ihm ein befreundeter Arzt, er hätte in seinem Hospital einen Schwerverwundeten, der an der Offensive in der Champagne teilgenommen und Maxime gekannt hatte. Clerambault eilte sofort hin, um ihn zu sehen.
Er fand auf einem Bett einen Mann unbestimmbaren Alters auf dem Rücken liegend, unbeweglich ausgestreckt, umschnürt wie eine Mumie. Aus den weißen Bandagen starrte das magere Gesicht eines Bauern, gegerbt, zerfaltet, mit großer Nase und grauem Bart. Der freie rechte Unterarm stützte eine massige und entstellte Hand auf die Decke, vom Mittelfinger fehlte ein Glied, aber das zählte nicht, das war eine Friedenswunde. Unter den buschigen Brauen sahen die Augen ruhig und klar: man hätte ein so mildes graues Licht in dem verbrannten Antlitz nicht erwartet.
Clerambault trat an ihn heran, erkundigte sich nach seinem Zustande, der Mann dankte höflich, aber ohne sich auf Einzelheiten einzulassen, gleichsam als ob es nicht nötig wäre, von sich zu sprechen.
„Ich danke Ihnen, mein Herr, es geht gut, es geht ganz gut.“
Aber Clerambault erneuerte liebevoll seine Fragen und es dauerte nicht lange, so fühlten die grauen Augen, daß in den blauen Augen, die sich zu ihnen niederneigten, mehr als Neugier sich regte.
„Wo sind Sie denn verwundet“, fragte Clerambault.
„Ach! Das wäre zu lang zu erzählen, mein Herr! Eigentlich ein wenig überall.“