6. Unordnung.

7. Nachahmungssucht.

8. Wankelmut.

9. Unüberlegtheit.

Mit demselben Freimut des Urteils bekrittelt er noch als Student die gesellschaftlichen Sitten und die Verbohrtheiten der Intellektuellen. Er macht sich über die Universitätswissenschaft lustig, weist ganz ernsthaft die historischen Studien zurück und läßt sich für die Kühnheit seiner Anschauungen einsperren. — In dieser Zeit entdeckt er Rousseau: die „Bekenntnisse”, den „Emil”. Das trifft ihn wie ein Donnerschlag.

„Ich trieb Kultus mit ihm. Ich trug sein Konterfei im Medaillon um den Hals wie ein Heiligenbild.”[29]

Seine ersten philosophischen Versuche sind Erläuterungen zu Rousseau (1846-1847).

Aber er wird der Universität und der „erstklassigen Menschen” so überdrüssig, daß er nach Jasnaja Poljana zurückkehrt und sich in seine Felder vergräbt (1847 bis 1851); er nimmt wieder Fühlung mit dem Volk und will ihm helfen, will sein Wohltäter und Erzieher sein. Seine Erfahrungen aus jener Zeit verwertet er in einem seiner ersten Werke, dem „Morgen des Gutsherrn” (1852), einer bemerkenswerten Novelle, deren Held Fürst Nekludow ist[30], ein Deckname, hinter dem sich Tolstoi mit Vorliebe verbirgt.

Nekludow ist 20 Jahre alt. Er hat das Universitätsstudium aufgegeben, um sich seinen Bauern zu widmen. Ein Jahr lang arbeitet er daran, ihnen Gutes zu tun, und wir sehen ihn, wie er sich, bei einem Besuch im Dorf, von der sorglosen Gleichgültigkeit, dem eingewurzelten Mißtrauen, der Gerissenheit, dem Leichtsinn, dem Laster und der Undankbarkeit abgestoßen fühlt. Alle seine Bemühungen sind vergeblich. Er kehrt entmutigt zurück und sinnt über seine Träume nach, die er noch vor einem Jahre hegte, über seine edelmütige Begeisterung, „seine damalige Überzeugung, daß die Liebe und das Gutsein Glück und Wahrheit bedeuteten, das einzig mögliche Glück und die einzig mögliche Wahrheit auf dieser Welt”. Er kommt sich besiegt vor, ist voll Scham und Überdruß.

„Als er am Klavier saß, berührten seine Finger unbewußt die Tasten. Ein Akkord stieg auf, dann ein zweiter, ein dritter... Er begann zu spielen. Die Akkorde waren ziemlich ungleich; oft waren sie gewöhnlich bis zur Banalität und verrieten keinerlei musikalische Begabung. Aber er fand dabei ein unerklärbares, trauriges Vergnügen. Bei jedem Harmoniewechsel erwartete er mit Herzklopfen den nächsten Akkord, und was diesem fehlte, ergänzte er ungefähr mit seiner Phantasie. Er hörte den Chor, das Orchester... Und das größte Vergnügen bereitete ihm seine lebhafte Phantasie, die ihm ohne Schranken, aber mit bewundernswerter Klarheit die mannigfaltigsten Bilder und Begebenheiten aus Vergangenheit und Zukunft vorspiegelte...”