Er sieht die liederlichen, mißtrauischen, lügenhaften, faulen und dickfelligen Muschiks wieder, mit denen er gerade erst kurz vorher sprach. Aber diesmal sieht er sie mit all ihren guten Eigenschaften, nicht mehr mit ihren Lastern; er fühlt sich mit Liebe in ihre Herzen ein; er entdeckt in ihnen Geduld und Ergebung in das sie erdrückende Schicksal, Versöhnlichkeit gegen erlittenen Schimpf, Liebe zu ihren Anverwandten, und er sieht ein, warum sie aus Gewohnheit und Frömmigkeit am Vergangenen hangen. Er sieht ihre Tage, die nutzbringender, gesunder und ermüdender Arbeit gewidmet sind, mit anderen Augen an...

„Wie schön,” murmelt er... „Warum bin ich nicht einer der ihren?”[31]

Der ganze Tolstoi steckt schon in dem Helden dieser ersten Novelle[32], der seine klare Erkenntnis mit seinen nie schwindenden Illusionen vereint. Er beobachtet die Menschen mit unbeirrbarem Wirklichkeitssinn; schließt er jedoch nur die Augen, so schlagen ihn seine Träume und seine Liebe zu den Menschen wieder in Bann.


Aber der Tolstoi von 1850 ist weniger geduldig als Nekludow. Jasnaja hat ihn enttäuscht; er ist des Volkes so müde wie der Vornehmen; seine Rolle bedrückt ihn: es liegt ihm nichts mehr an ihr. Außerdem drängen ihn seine Gläubiger. 1851 flieht er in den Kaukasus zur Armee, bei der sein Bruder Nikolaus Offizier ist.

Kaum ist er dort, so findet er in der heiteren Gebirgslandschaft seine Fassung und seinen Gott wieder:

„Vergangene Nacht[33] habe ich wenig geschlafen... Ich habe zu Gott gebetet. Es ist mir unmöglich, die Süßigkeit des Gefühls zu beschreiben, die ich beim Beten empfand. Ich habe die üblichen Gebete gesprochen und dann noch lange weiter gebetet. Ich wünschte etwas sehr Gewaltiges, etwas sehr Schönes... Was? Das kann ich nicht sagen. Ich wollte aufgehen in dem Ewigen, ich bat ihn, mir meine Fehler zu verzeihen... Aber nein, ich bat nicht, ich fühlte, daß er mir schon vergab, da er mich diesen glückseligen Augenblick erleben ließ. Ich betete, und gleichzeitig fühlte ich, daß ich nichts zu sagen hatte, daß ich nicht beten konnte, daß ich nicht zu beten wagte... Ich habe ihm nicht in Worten gedankt, ich dankte ihm im Fühlen... Kaum eine Stunde war vorüber, da hörte ich schon wieder die Stimme des Lasters. Ich war eingeschlafen und träumte vom Ruhm und von Frauen: das war also stärker als ich. — Was liegt daran! Ich danke Gott für diesen Augenblick der Glückseligkeit, und daß er mir meine Kleinheit und meine Größe gezeigt hat. Ich will beten, aber ich kann nicht; ich will begreifen, aber ich wage es nicht. Ich beuge mich Deinem Willen!”[34]

Das Fleisch war nicht besiegt (das wurde es nie); der Kampf zwischen den Leidenschaften und Gott vollzog sich im geheimsten Herzen. Tolstoi vermerkt in seinem Tagebuch die drei Teufel, die ihn martern: 1. Spielwut: ein aussichtsreicher Kampf. 2. Sinnlichkeit: ein sehr schwieriger Kampf. 3. Eitelkeit: der schrecklichste von allen.

Im selben Augenblick, in dem er davon träumte, für die andern zu leben und sich zu opfern, übermannten ihn wollüstige oder leichtfertige Vorstellungen: das Bild irgendeiner Kosakenfrau oder „die Verzweiflung, die ihn ergriffe, wenn die linke Schnurrbartspitze mehr in die Höhe stände als die rechte”[35]. — „Was liegt daran!” Gott war da und verließ ihn nicht mehr. Die Hitze des Kampfes selbst wirkte befruchtend, alle Kräfte des Lebens wurden dadurch gesteigert.