„Ich denke, daß die leichtfertige Überlegung, die mich zur Reise in den Kaukasus veranlaßte, mir von oben eingegeben wurde. Die Hand Gottes hat mich geleitet. Ich werde ihm stets dankbar dafür sein. Ich fühle, daß ich hier besser geworden bin, und bin fest überzeugt, daß alles, was mir auch zustoßen mag, nur zu meinem Besten ausschlagen wird, da ja Gott selbst es gewollt hat...”[36]

Das ist die Dankeshymne der Erde im Frühling. Sie bedeckt sich mit Blumen. Alles ist gut, alles ist schön. Im Jahre 1852 treibt der Genius Tolstois seine ersten Blüten: „Die Kindheit”, „Der Morgen des Gutsherrn”, „Der Überfall”, „Knabenjahre”; und er dankt dem Lebensgeist, der ihn befruchtet hat[37].


„Die Geschichte meiner Kindheit”

„Die Geschichte meiner Kindheit” wurde im Herbst 1851 in Tiflis begonnen und am 2. Juli 1852 in Pjatigorsk im Kaukasus beendet. Es ist seltsam, daß Tolstoi im Rahmen dieser Natur, die ihn berauschte, inmitten dieses neuen Lebens und der aufregenden Kriegsgefahren, während er eine Welt von ihm bis dahin unbekannten Charakteren und Leidenschaften entdeckte, in jenem ersten Werk auf die Erinnerungen an sein verflossenes Leben zurückgreift. Aber als er die „Kindheit” schrieb, war er krank, seine militärische Tätigkeit war jäh unterbrochen worden; und während der langen Genesungszeit befand er sich, da er allein war und Schmerzen litt, in rührseliger Stimmung, in der sich die Vergangenheit vor seinen Augen abrollte[38]. Nach der erschöpfenden Anspannung der freudlosen letzten Jahre war es ihm angenehm, die „wunderbare, unschuldsvolle, poetische und fröhliche Zeit” des Kindesalters wieder zu erleben und wieder „ein gutes, weiches und liebefähiges Kinderherz zu bekommen”. Bei dem Ungestüm seiner Jugend, der Fülle von Plänen, seiner dichterischen Erfindungsgabe, die zu epischer Breite neigte und sich daher selten mit einem einzelnen Vorwurf befaßte, für die die großen Romane vielmehr nur Glieder einer langen historischen Kette waren — Bruchstücke eines unermeßlichen Ganzen, das nie zu Ende geführt werden konnte[39] —, sah Tolstoi im übrigen zu diesem Zeitpunkt in den Geschichten aus der „Kindheit” nur die ersten Kapitel einer „Geschichte von vier Epochen”, die auch sein Leben im Kaukasus einbeziehen und zweifellos mit der Offenbarung Gottes durch die Natur ihren Abschluß finden sollte.

Tolstoi ist später mit seinen Geschichten aus der „Kindheit”, denen er einen großen Teil seiner Volkstümlichkeit verdankt, sehr streng ins Gericht gegangen.

„Sie sind so schlecht,” sagte er zu Birukow, „sie sind mit so geringer literarischer Ehrlichkeit geschrieben!... Es ist nichts aus ihnen herauszuholen.”

Er stand allein mit dieser Ansicht. Das Werk, das er als anonymes Manuskript an die große russische Zeitschrift „Sowremennik” (Der Zeitgenosse) geschickt hatte, wurde sofort veröffentlicht (am 6. September 1852) und hatte einen Riesenerfolg, der von allen europäischen Lesern bestätigt wurde. Indessen versteht man, daß es trotz seines dichterischen Reizes, seines vornehmen Stiles und seines Zartgefühls dem späteren Tolstoi mißfallen hat.

Es hat ihm aus denselben Gründen mißfallen, aus denen es den anderen gefiel. Man muß zugeben: abgesehen von der Erwähnung gewisser lokaler Typen und einigen wenigen Seiten, die durch das religiöse Empfinden oder durch die Echtheit des Gefühls[40] auffallen, ist noch herzlich wenig von der Persönlichkeit Tolstois darin zu spüren. Eine sanfte, weiche Empfindsamkeit, die ihm später immer unsympathisch war, und die er aus seinen anderen Romanen verbannte, herrscht vor. Wir kennen sie, diese Mischung von Humor und Rührseligkeit; sie stammt von Dickens her. Bei der Aufzählung seiner Lieblingsbücher zwischen seinem vierzehnten und einundzwanzigsten Lebensjahre trägt Tolstoi in sein Tagebuch ein: „Dickens: David Copperfield. Bedeutender Einfluß.” Im Kaukasus liest er das Buch noch einmal.