Zwei weitere Einflüsse verzeichnet er selbst: Sterne und Toepffer. „Ich stand damals unter ihrer Wirkung”, äußerte er[41].

Wer sollte glauben, daß die „Genfer Novellen” für den Dichter von „Krieg und Frieden” das erste Vorbild waren? Und doch braucht man es nur zu wissen, dann findet man schon in den Geschichten aus der „Kindheit” ihre gutmütige und spottlustige Biederkeit wieder, die hier nur in eine vornehmere Natur verpflanzt ist.

So war Tolstoi schon durch seine ersten Werke eine bekannte Persönlichkeit geworden. Aber seine Eigenart mußte sich noch befestigen. Das dauerte nicht lange. Die „Knabenjahre” (1853), die weniger rein und weniger abgerundet sind als die Kindheit, deuten auf selbständigere psychologische Beobachtung, auf ein sehr lebendiges Naturgefühl und ein so zerquältes Herz hin, wie sie Dickens und Toepffer wohl kaum hatten. In dem „Morgen des Gutsherrn” (Oktober 1852)[42] erscheint der Charakter Tolstois fertig entwickelt mit seiner unerschrockenen Beobachtungstreue und seinem Glauben an die Liebe. Unter den bemerkenswerten Bauernporträts, die er in dieser Novelle zeichnet, findet sich schon die Skizze zu einer seiner schönsten Figuren aus seinen „Volkserzählungen”, dem Alten mit dem Bienenstock[43], dem kleinen Alten unter der Birke, wie er die Hände ausbreitet und die Augen in die Höhe richtet; rings um ihn ein Schwarm golden schimmernder Bienen, die ihn umschwirren, ohne ihn zu stechen, und einen Kranz um seinen in der Sonne leuchtenden kahlen Schädel bilden...

„Geschichten aus dem Kaukasus”

Aber die typischen Werke jener Zeit sind die, die seine augenblicklichen Gefühle unmittelbar wiedergeben: die Geschichten aus dem Kaukasus. Die erste, „Der Überfall” (am 24. Dezember 1852 beendet), erweckt durch die Pracht der Landschaftsbilder Bewunderung: ein Sonnenaufgang in den Bergen am Ufer eines Flusses; ein merkwürdiges Gemälde, das die Schatten und die Geräusche der Nacht mit packender Eindringlichkeit wiedergibt; die Heimkehr am Abend, da in der Ferne die schneebedeckten Gipfel im blauen Nebel verschwinden, die schönen Stimmen der singenden Soldaten aufsteigen und in der dünnen Luft verwehen. Mehrere Gestalten aus „Krieg und Frieden” erproben hier schon ihre Lebensfähigkeit: der Hauptmann Klopow, der wahre Held, der sich nicht zum Vergnügen schlägt, sondern weil es seine Pflicht ist, „eines jener einfachen, ruhigen russischen Gesichter, denen man froh und gerne gerade in die Augen schaut.” Schwerfällig, linkisch, ein bißchen lächerlich, unempfindlich gegen seine Umgebung, ist er der einzige, der sich in der Schlacht gleich bleibt, während alle andern sich ändern; „er ist genau so wie immer: dieselben ruhigen Bewegungen, dieselbe gleichmäßige Stimme, derselbe einfache Ausdruck in seinem naiven, derben Gesicht.” Neben ihm der Leutnant, der die Rolle eines Lermontowschen Helden spielt, und der, obwohl er in Wirklichkeit der gutmütigste Kerl ist, tut, als ob die wildesten Gefühle ihn beherrschen. Und dann der arme, kleine Unterleutnant, ganz begeistert in der Aussicht auf sein erstes Gefecht, überströmend von Zärtlichkeit, bereit, jedem um den Hals zu fallen, bewundernswert und lächerlich zugleich, der sich wie Petja Rostow stumpfsinnig töten läßt. In der Mitte des Bildes die Gestalt Tolstois, der beobachtet, ohne sich in die Gedanken seiner Gefährten einzumischen und schon hier seinen Protestschrei gegen den Krieg erklingen läßt:

„Können die Menschen denn in dieser so schönen Welt, unter dem unermeßlichen Sternenhimmel nicht zufrieden leben? Wie können sie hier ihre Zerstörungswut, ihre Gefühle der Bosheit und der Rache gegen ihren Nächsten bewahren? In der Berührung mit der Natur, wo das Schöne und Gute am unmittelbarsten zum Ausdruck kommt, sollte alles Schlechte aus dem Menschenherzen verschwinden.”[44]

Andere aus jener Zeit stammende Geschichten aus dem Kaukasus sind erst später zu Papier gebracht worden: 1854-1855 „Der Holzschlag”, von peinlichster Naturtreue, ein wenig kalt, aber voll merkwürdiger Aufschlüsse über die Seele des russischen Soldaten, — Aufzeichnungen für die Zukunft; — 1856 „Begegnung im Felde” mit einem Moskauer Bekannten, einem verkommenen Lebemann und degradierten Unteroffizier, einem feigen versoffenen Lügner, der es nicht vermag, sich an den Gedanken zu gewöhnen, daß er ebensogut getötet werden könne wie einer seiner Soldaten, die er verachtet und deren geringster hundertmal mehr wert ist als er.

„Die Kosaken”

Über all diese Werke erhebt sich als höchster Gipfel dieser ersten Gebirgskette einer der schönsten lyrischen Romane, die Tolstoi geschrieben hat, der Sang seiner Jugend, das Gedicht vom Kaukasus: „Die Kosaken”[45]. Die Pracht der schneebedeckten Berge, deren edle Linien sich von dem strahlenden Himmel abheben, erfüllt das ganze Buch mit ihrer Musik. Und das Werk ist einzigartig durch das höchste, was dem Genie gegeben ist, „den allmächtigen Gott der Jugend”, wie Tolstoi sagt, „jenen Schwung, der nie wiederkehrt”. Ein Bergstrom im Frühling! Eine Fülle von Liebe!

„‚Ich liebe, ich liebe so innig!... Ihr Tapfern! Ihr Guten!...’ wiederholte er und wollte weinen. Warum? Wer war tapfer? Wen liebte er? Er wußte es nicht recht.”[46]