Tolstoi wußte es selbst nicht. Am 4. Februar 1859 hielt er in der „Moskauer Gesellschaft der Freunde russischer Literatur” seine Antrittsrede, worin er das Prinzip des „l'art pour l'art”[75] verteidigte; und der Präsident der Gesellschaft, Komiakow, übernahm, nachdem er in ihm den Vertreter der rein künstlerischen Literatur begrüßt hatte, gegen ihn die Verteidigung der sozialen und moralischen Kunst[76].
Ein Jahr später brachte ihn der Tod seines geliebten Bruders Nikolaus, der am 19. September 1860 in Hyères von der Schwindsucht dahingerafft wurde[77], derart außer Fassung, daß sein Glaube an das Gute vollständig erschüttert wurde und er sich von der Kunst abwandte:
„Die Kunst ist Lüge, und ich kann nicht länger die schöne Lüge lieben.”[78]
Aber schon nach kaum sechs Monaten kam er auf diese schöne Lüge zurück, mit „Polikuschka”[79], dem von sittlichen Absichten vielleicht freiesten seiner Werke, nimmt man den geheimen Fluch aus, der auf dem Geld und seiner unheilvollen Macht lastet; es ist ein Werk, das nur um der Kunst willen geschrieben ist, ein Meisterwerk übrigens, an dem nichts auszusetzen ist, es sei denn sein übergroßer Reichtum an Beobachtungen, ein Zuviel an Stoff, der zu einem großen Roman ausgereicht hätte, und der allzu schroffe, ein wenig grausame Gegensatz zwischen dem gräßlichen Ausgang und dem humorvollen Anfang[80].
„Eheglück”
In dieser Zeit des Übergangs, wo das Genie Tolstois im Finstern tappt, an sich selbst irre wird und, wie Nekludow in den „Aufzeichnungen eines Marqueurs”, ohne starke Leidenschaft, ohne zielsicheren Willen schwächlich zu werden scheint, entsteht das reinste Werk, das Tolstoi jemals schuf: „Eheglück” (1859). Es ist das Wunderwerk der Liebe.
Seit langen Jahren war er mit der Familie Bers befreundet. Er war der Reihe nach in die Mutter und die drei Töchter verliebt gewesen[81]. Schließlich verliebte er sich endgültig in die zweite. Aber er wagte nicht, es zu gestehen. Sofie Andrejewna Bers war noch ein Kind: sie war siebzehn Jahre alt; und er über dreißig. Er hielt sich für einen alten Mann, der nicht das Recht hatte, sein verbrauchtes, unreines Leben an das eines unschuldigen jungen Mädchens zu knüpfen. Drei Jahre lang sträubte er sich[82]. Später erzählte er in „Anna Karenina”, wie er Sofie Bers einen Antrag machte, und wie sie darauf antwortete —: sie zeichneten alle beide die Anfangsbuchstaben der Worte, die sie nicht zu sagen wagten, mit dem Finger auf den Tisch. Wie Lewin in „Anna Karenina” war er so grausam aufrichtig, sein Tagebuch seiner Braut einzuhändigen, damit sie ganz genau seine begangenen Schändlichkeiten kennen lerne; und wie Kitty in „Anna Karenina” empfand Sofie bitteren Schmerz beim Lesen. Am 23. September 1862 war ihre Hochzeit.