Aber schon seit drei Jahren war diese Ehe im Kopf des Dichters geschlossen, als er „Eheglück” schrieb[83]. Seit drei Jahren hatte er schon im voraus die unbeschreiblichen Tage der stillen Liebe durchlebt und die berauschenden Tage der Liebe, die sich offenbart, die Stunde, da die ersehnten göttlichen Worte geflüstert werden, die Tränen „über ein Glück, das für immer schwindet und nie mehr wiederkehrt”; die jubelnde Wirklichkeit der ersten Ehezeit, den Egoismus der Liebenden, „die unaufhörliche Freude ohne eigentlichen Grund”; dann die eintretende Ermüdung, die leise Unzufriedenheit, die Langeweile des einförmigen Lebens, in der sich die beiden vereinigten Herzen sanft lösen und voneinander entfernen, das gefährlich Berauschende der großen Welt für die junge Frau — Koketterie, Eifersucht, tödliche Mißverständnisse —, die verdunkelte, die verlorene Liebe; endlich den milden traurigen Herbst des Herzens, wo das Antlitz der Liebe sich wieder zeigt, blaß und gealtert und durch seine Tränen und seine Runzeln noch ergreifender geworden, die Erinnerung an Liebesbeweise, das Bedauern über das Böse, das man sich zugefügt hat, und über die verlorenen Jahre, — einen heiteren Lebensabend, die erhabene Wandlung von der Liebe zur Freundschaft und vom Roman der Leidenschaft zur Mütterlichkeit... Alles, was kommen sollte, alles hatte Tolstoi im voraus geträumt und durchkostet. Und um es besser erleben zu können, hatte er es in ihr, der Geliebten, erlebt. Das erstemal — vielleicht das einzige Mal in Tolstois Werken — spielt sich der Roman im Herzen einer Frau ab und wird von dieser Frau erzählt. Mit welch erlesener Zartheit! Eine schöne Seele hüllt sich in einen schamhaften Schleier... Diesmal hat Tolstoi bei der Analyse auf seine etwas grelle Belichtung verzichtet und sucht nicht mit fieberhafter Leidenschaft die Wahrheit bloßzulegen. Die Geheimnisse des Innenlebens lassen sich eher erraten, als daß sie sich preisgeben. Das Herz und die Kunst Tolstois sind milder geworden. In seiner harmonischen Übereinstimmung von Form und Inhalt erreicht das „Eheglück” die Vollkommenheit eines Racineschen Werkes.
Die Ehe, deren Glück und deren Wirrungen Tolstoi mit großer Klarheit schon vorher empfunden hatte, sollte ihm zum Heil werden. Er war müde und krank, seiner selbst und seiner Arbeit überdrüssig. Auf die glänzenden Erfolge, die seine ersten Werke errungen hatten, war vollständiges Verstummen der Kritik[84] und Gleichgültigkeit des Publikums eingetreten. Stolz tat er, als ob er sich darüber freue.
„Mein Ruf hat viel von jener Volkstümlichkeit, die mich traurig machte, verloren. Jetzt bin ich ruhig, da ich weiß, daß ich etwas zu sagen habe und die Fähigkeit besitze, es sehr laut zu sagen. Das Publikum mag denken, was es will.”[85]
Aber er rühmte sich nur: er war seiner Kunst selbst nicht sicher. Ohne Zweifel beherrschte er die Feder vollkommen; aber er wußte nicht, was damit anfangen. Wie er in „Polikuschka” sagt: „es war das Gerede über den erstbesten Stoff von einem Manne, der die Feder zu führen versteht”[86]. Seine sozialen Arbeiten scheiterten. Im Jahre 1862 legte er sein Amt als Schiedsrichter nieder. Im selben Jahre hielt die Polizei in Jasnaja Poljana Haussuchung, drehte das oberste zu unterst und schloß die Schule. Tolstoi war damals aus Gesundheitsrücksichten verreist; er fürchtete die Schwindsucht zu bekommen.
„Die Streitigkeiten, die ich zu schlichten hatte, waren mir so unerträglich geworden, die Arbeit in der Schule so unsicher, meine Besorgnisse, die aus dem Wunsch, die andern zu unterrichten und dabei meine Unkenntnis dessen, was ich unterrichten sollte, zu verbergen, herrührten, waren mir derart widerwärtig, daß ich krank wurde. Vielleicht wäre ich an den Rand der Verzweiflung geraten, der ich fünfzehn Jahre später erlag, wenn es nicht für mich eine unbekannte Seite des Lebens gegeben hätte, die mir Heil versprach: das Familienleben.”[87]
Er genoß es zuerst mit der Leidenschaft, die er auf alles verwandte[88]. Der persönliche Einfluß der Gräfin Tolstoi war wertvoll für seine Kunst. Literarisch sehr begabt[89], war sie, wie sie sagt, „eine echte Schriftstellersfrau”, so sehr lag ihr das Werk ihres Mannes am Herzen. Sie arbeitete mit ihm, schrieb nach seinem Diktat, übertrug seine Konzepte immer wieder ins Reine[90]. Sie trachtete, ihn gegen seinen religiösen Dämon, jenen fürchterlichen Geist, der schon damals für Augenblicke seiner Kunst gefährlich wurde, zu verteidigen. Sie ließ es sich angelegen sein, daß seine Tür sozialen Utopien verschlossen blieb[91]. Sie befeuerte sein schöpferisches Genie. Sie tat mehr: sie gab diesem Genius den neuen Reichtum ihrer Frauenseele. Abgesehen von einigen hübschen Schattenrissen in „Kindheit” und „Knabenalter” ist die Frau aus den ersten Werken Tolstois fast völlig ausgeschaltet, oder sie bleibt im Hintergrund. Zum erstenmal tritt sie im „Eheglück” auf, das unter dem Einfluß der Liebe zu Sofie Bers geschrieben ist. In den folgenden Werken sind Mädchen- und Frauengestalten reichlich vorhanden und von Leben beseelt, mehr noch selbst als die Männergestalten. Man glaubt gern, daß die Gräfin Tolstoi ihrem Mann nicht nur zur Natascha in „Krieg und Frieden”[92] und zur Kitty in „Anna Karenina” Modell gestanden hat, sondern daß sie ihm auch durch die Einblicke, die sie ihm in ihr zartes Seelenleben gewährte, eine wertvolle und feinfühlige Mitarbeiterin sein konnte. Gewisse Seiten in „Anna Karenina”[93] scheinen mir ganz besonders die Hand einer Frau zu verraten.
Dank den Segnungen dieser Vereinigung genoß Tolstoi zehn oder fünfzehn Jahre lang einen Frieden und eine Sicherheit, wie er sie seit langem nicht mehr gekannt hatte[94]. So konnte er unter den Fittichen der Liebe in Muße die Meisterwerke seines Schaffens, die gewaltigen Denkmäler, die die ganze Romandichtung des 19. Jahrhunderts überragen, ersinnen und ausführen: „Krieg und Frieden” (1864-1869) und „Anna Karenina” (1873-1877).