Die russische Volksseele und ihre Unterwerfung unter das Schicksal verkörpert sich in dem Generalissimus Kutuzow:

„Dieser Alte, der, was Leidenschaften angeht, nur die Erfahrung, das Ergebnis der Leidenschaften, kennt, und bei dem die Intelligenz, die dazu bestimmt ist, die Tatsachen einzuordnen und Schlüsse aus ihnen zu ziehen, durch eine philosophische Betrachtungsweise der Ereignisse ersetzt wird, dieser Alte ersinnt nichts und unternimmt nichts, aber er hört und behält alles und wird es im geeigneten Augenblick anwenden, er wird nichts Nützliches verhindern und nichts Schädliches erlauben. Er erspäht auf den Gesichtern seiner Leute jene unbegreifliche Macht, die man den Willen zu siegen, den kommenden Sieg nennt. Er läßt etwas Mächtigeres gelten als seinen Willen: den unaufhaltsamen Lauf der Tatsachen, die sich vor seinen Augen abrollen; er sieht sie, er verfolgt sie und versteht es, von seiner Person zu abstrahieren.”

Kurzum, er hat das echt russische Herz. Dieser still-heldenmütige Fatalismus des russischen Volkes verkörpert sich auch in dem armen, einfachen, frommen und ergebenen Muschik Plato Karatajew, der noch in Leid und Tod gütig lächelt. Durch die Prüfungen, das Elend des Vaterlandes, die Schrecken des Todeskampfes hindurch, gelangen die beiden Helden des Buches, Peter und Andrej, zu moralischer Befreiung und schwärmerischer Freude durch die Liebe und den Glauben, die sie den lebendigen Gott erkennen lassen.

Hiermit schließt Tolstoi keineswegs. Der Epilog, der um 1820 spielt, bildet einen Übergang von einer Epoche zu einer anderen, vom napoleonischen Zeitalter zum Zeitalter der Dekabristen. Er gibt das Gefühl der ununterbrochenen Dauer und des Immerneuerstehens alles Lebens. Tolstoi beginnt weder, noch schließt er seine Erzählung an einem entscheidenden Zeitpunkt; er schließt, wie er begonnen hat, in dem Augenblick, da eine große Welle verebbt und die folgende Welle sich erst bildet. Schon gewahrt man die künftigen Helden, die Konflikte, die zwischen ihnen entstehen werden, und die Toten, die in den Lebenden auferstehen[97].

Ich habe versucht, den großen Linien des Romans nachzugehen; denn selten gibt man sich die Mühe, sie zu suchen. Aber was soll man von der ganz außergewöhnlichen Lebendigkeit dieser Hunderte von Helden sagen, die alle individuell und in unvergeßlicher Weise gezeichnet sind, dieser Soldaten, Bauern, Edelleute, Russen, Österreicher und Franzosen! Nichts verrät hier, daß sie erdichtet sind. Zu dieser Reihe von Bildnissen, die ihresgleichen in der ganzen europäischen Literatur suchen, hat Tolstoi zahllose Skizzen gemacht, wie er sagt, „Millionen von Entwürfen miteinander verbunden”, Bibliotheken durchstöbert, seine Familienarchive[98], seine früheren Notizen, seine persönlichen Erinnerungen benutzt. Diese bis ins kleinste gehende Vorbereitung bürgt für die Gründlichkeit der Arbeit, nimmt ihr dabei aber nichts von ihrer Ursprünglichkeit. Tolstoi arbeitete begeistert, mit einem Eifer und einer Freude, die sich auch dem Leser mitteilen. Was vor allem „Krieg und Frieden” den größten Reiz verleiht, ist seine Jugendlichkeit des Herzens. Kein anderes Werk von Tolstoi weist solchen Reichtum an Kinder- und Jünglingsseelen auf; und jede dieser Seelen ist Musik aus reinster Quelle und von einer Anmut, die ergreift und rührt, wie eine Mozartsche Melodie: der junge Nikolaus Rostow, Sonja, der arme kleine Petja.

Die köstlichste aber ist Natascha. Dieses liebe, seltsame, lachlustige kleine Mädchen mit dem reichen Herzen, das man neben sich aufwachsen sieht, und dem man durch das Leben folgt mit der keuschen Zärtlichkeit, die man für eine Schwester empfände, — wer glaubt nicht, sie gekannt zu haben?... Welch wunderbare Frühlingsnacht, in der Natascha an ihrem mondbeschienenen Fenster tolle Dinge träumt und redet, gerade über dem Fenster des Fürsten Andrej, der ihr zuhört... Die Aufregungen des ersten Balles, die Liebe, die Liebeserwartung, das Aufblühen wirrer Wünsche und Träume, die nächtliche Schlittenfahrt durch den beschneiten Wald, wo Lichter gespensterhaft schimmern; die Natur, die unklare Sehnsucht erweckt; ein Abend in der Oper, die seltsame Welt der Kunst, die den Verstand umschleiert; die Tollheit des Herzens und die Tollheit des Leibes, der sich nach Liebe sehnt; ein Schmerz, der die Seele läutert; göttliches Mitleid, das beim sterbenden Geliebten wacht... Man kann diese Erinnerungen nicht heraufbeschwören, ohne dieselbe Rührung zu empfinden, als wenn man von der teuersten und geliebtesten Freundin spräche. Ach, wie läßt einen eine solche Schöpfung die Schwäche der weiblichen Gestalten in beinahe allen zeitgenössischen Romanen und Theaterstücken ermessen! Das Leben selbst wird erfaßt, und dabei so biegsam, so flüssig, daß man es von einer Zeile zur anderen wogen und wechseln zu sehen vermeint. — Die häßliche Prinzessin Marie, die durch Güte schön wird, ist eine nicht minder vollkommene Schöpfung; aber wie würde sie, dieses schüchterne und linkische Mädchen erröten, wie werden die, welche ihr gleichen, erröten, wenn sie hier alle Geheimnisse eines Herzens enthüllt sehen, das sich ängstlich den Blicken entzieht!

Tolstoi im Jahre 1906

Im allgemeinen übertreffen die Frauencharaktere, wie ich schon andeutete, die Männercharaktere bei weitem, besonders die der beiden Helden, die Tolstois eigene Idee verkörpern: die weiche und schwache Natur Peter Besukows, die lebhafte, aber trockene des Fürsten Andrej Wolkonski. Dies sind Seelen, denen es an einem festen Ruhepunkt mangelt; sie schwanken fortwährend, anstatt sich zu entwickeln; sie gehen von einem Pol zum andern, ohne je vom Fleck zu kommen. Man wird mir zweifellos entgegnen, daß sie darin echt russisch sind. Ich kann jedoch dazu bemerken, daß Russen dieselbe Kritik geübt haben. Aus dem gleichen Anlaß warf Turgenjew der Psychologie Tolstois vor, daß sie nie weiterkomme. „Keine wahrhafte Entwicklung. Ewige Unschlüssigkeit, Gefühlsschwankungen.”[99] Tolstoi gab selbst zu, daß er die einzelnen Charaktere hie und da ein wenig dem historischen Gemälde geopfert habe[100].