Und die Größe von „Krieg und Frieden” beruht tatsächlich in dem Wiederaufleben eines ganzen Zeitalters der Geschichte, jener Völkerwanderung, des Kampfes der Nationen. Seine eigentlichen Helden sind die Völker und, hinter ihnen, wie hinter den Helden Homers, die Götter, die sie leiten: die unsichtbaren Mächte, „jene unwägbaren Größen, die die Massen führen”, der Hauch des Unendlichen. Diese gigantischen Kämpfe, in denen ein verborgenes Geschick die blinden Völker aufeinanderstößt, sind von sagenhafter Größe. Auf dem Weg über die Ilias denkt man an die indischen Heldenlieder[101].
„Anna Karenina”
„Anna Karenina” bezeichnet mit „Krieg und Frieden” den Höhepunkt dieser Zeit der Reife. Es ist ein vollkommeneres Werk, ein Werk, das von einem Geist erfüllt ist, der seiner künstlerischen Berufung noch sicherer und auch reicher an Erfahrung ist, und für den die Welt des Herzens keine Geheimnisse mehr hat. Aber ihm fehlen jene jugendliche Wärme, jene urwüchsige Begeisterung, — die großen Schwingen von „Krieg und Frieden”. Tolstoi hat schon nicht mehr dieselbe Schaffensfreude. Die vorübergehende Beschaulichkeit der ersten Ehezeit ist dahin. In den Bannkreis der Liebe und der Kunst, den die Gräfin Tolstoi um ihn zu ziehen verstanden hatte, schleicht sich wieder langsam innere Unruhe.
Schon ein Jahr nach seiner Heirat weisen in den ersten Kapiteln von „Krieg und Frieden” die vertraulichen Mitteilungen, die Fürst Andrej in bezug auf die Ehe Peter gegenüber macht, auf die Ernüchterung des Mannes hin, der in der geliebten Frau die Fremde sieht, die schuldlose Feindin, das unwillkürliche Hindernis für seine moralische Entwicklung. Briefe aus dem Jahre 1865 künden die nahe Wiederkehr religiöser Qualen an. Zunächst noch weniger bedrohlich, da die Freude am Leben obsiegt. Aber im Jahre 1869, in den Monaten, in denen Tolstoi „Krieg und Frieden” vollendet, tritt eine ernstere Erschütterung ein:
Er hatte die Seinen für einige Tage verlassen und sich auf eins seiner Güter begeben. Eines Nachts lag er im Bett; es hatte gerade 2 Uhr geschlagen:
„Ich war schrecklich müde, hatte Schlaf, und es ging mir leidlich gut. Plötzlich wurde ich von einer solchen Angst gepackt, von einem derartigen Schrecken, wie ich etwas Ähnliches nie empfunden habe. Ich erzähle Dir das noch in den Einzelheiten[102]: es war wirklich fürchterlich. Ich sprang aus dem Bett und befahl anzuspannen. Während man anspannte, schlief ich ein, und als man mich weckte, war ich vollständig wiederhergestellt. Gestern hat sich dieselbe Geschichte ereignet, aber in weit geringerem Maße...”
Der Bau der Hoffnung, den die Liebe der Gräfin Tolstoi mühselig errichtet hatte, weist Risse auf. In der Leere, die den Geist des Dichters nach Beendigung von „Krieg und Frieden” umfängt, fühlt er sich aufs neue von seinen philosophischen[103] und pädagogischen Sorgen bedrückt. Er will eine Fibel fürs Volk schreiben. Vier Jahre lang arbeitet er mit Feuereifer daran; er ist stolzer darauf als auf „Krieg und Frieden”; und nachdem er sie im Jahre 1872 geschrieben hat, arbeitet er sie im Jahre 1875 noch einmal um. Dann vernarrt er sich ins Griechische, studiert von morgens bis abends, läßt alle andere Arbeit liegen, entdeckt den „köstlichen Xenophon” und Homer, den richtigen Homer, nicht den der Übersetzer, „eines Jukowsky, eines Voss, die mit hohler, greinender, süßlicher Stimme singen”, sondern „jenen Teufel, der mit voller Stimme singt, ohne daß es ihm je in den Sinn kommt, es könne jemand zuhören”[104].
„Ohne die Kenntnis des Griechischen keine Bildung!... Ich bin überzeugt, daß ich von allem, was in dem Wort menschlich wirklich schön, von einer schlichten Schönheit ist, bis heute nichts wußte.”[105]