Es ist eine Narretei; das gibt er zu. Er wirft sich wieder mit solcher Leidenschaft aufs Lernen, daß er krank davon wird. Im Jahre 1871 muß er in Samara bei den Baschkiren eine Kefirkur gebrauchen. Außer dem Griechischen ist er mit allem unzufrieden. Im Jahre 1872 spricht er infolge eines Prozesses ernstlich davon, alles, was er in Rußland hat, zu verkaufen und sich in England anzusiedeln. Die Gräfin Tolstoi härmt sich darüber:
„Wenn Du Dich immer in Deine Griechen verbohrst, wirst Du nie gesund werden. Sie sind es, die Dir diese Angst und diese Gleichgültigkeit dem heutigen Leben gegenüber verursachen. Nicht umsonst nennt man das Griechische eine tote Sprache: ihre Wirkung ist geisttötend.”[106]
Endlich nach vielen entworfenen und gleich wieder verworfenen Projekten beginnt er am 19. März 1873 zur größten Freude der Gräfin sein neues Buch „Anna Karenina”[107]. Während er daran arbeitet, wird sein Leben durch Trauerfälle in der Familie[108] umdüstert. Seine Frau ist krank. „Glückseligkeit herrscht nicht in diesem Hause...”[109]
Das Werk trägt ein wenig die Spuren dieser trüben Erfahrungen und Enttäuschungen[110]. Außer in den hübschen Kapiteln von der Verlobung Lewins spricht er von Liebe nicht mehr mit dieser jugendlichen Poesie, die gewisse Seiten in „Krieg und Frieden” neben die schönsten lyrischen Dichtungen aller Zeiten stellt. Liebe ist jetzt vielmehr eine stürmische, sinnliche und gewalttätige Angelegenheit geworden. Das Verhängnis, das über dem Roman schwebt, ist nicht mehr wie in „Krieg und Frieden” eine Art Gott Krischna, mordlustig und heiter zugleich, ein Geschick, das über Reiche entscheidet, sondern es ist die Liebestollheit, „die Göttin Venus”. Sie verleiht der wunderbaren Ballszene, wo Anna und Wronski, ohne es selbst zu wissen, von der Leidenschaft erfaßt werden, der unschuldsvollen Schönheit Annas, in dem schwarzen Samtkleid mit dem Vergißmeinnichtkranz, „eine beinahe teuflische Verführungskraft”. Sie läßt, nachdem Wronski sich erklärt hat, Annas Gesicht leuchten, — „nicht vor Freude: es war vielmehr das schreckliche Leuchten einer Feuersbrunst in dunkler Nacht”. Sie ist es auch, die das Blut dieser braven und vernünftigen Frau, dieser liebevollen jungen Mutter in wollüstige Wallungen bringt und sich in ihrem Herzen einnistet, um es nicht eher zu verlassen, als bis sie es vollständig zerstört hat. Niemand nähert sich Anna, ohne von dem verborgenen Dämon angezogen und erschreckt zu sein. Kitty entdeckt ihn als erste voll Schauer. Eine geheimnisvolle Furcht mischt sich in Wronskis Freude, da er Anna sehen soll. Lewin verliert in ihrer Gegenwart seine ganze Willenskraft. Anna selbst weiß, daß sie nicht mehr sie selbst ist. Im weiteren Verlauf der Geschichte untergräbt die unerbittliche Leidenschaft den ganzen moralischen Halt dieser stolzen Frau Stück für Stück. Alles Gute in ihr, ihr tapferes und treues Herz verkümmert; sie hat nicht mehr die Kraft, ihre oberflächliche Eitelkeit zu opfern; ihr Leben hat keinen anderen Zweck mehr, als ihrem Liebhaber zu gefallen. Aus Angst und Scham versagt sie es sich, Kinder zu bekommen; Eifersucht martert sie. Die Sinnlichkeit, von der sie beherrscht wird, zwingt sie in Haltung, Stimme und Blick zur Lüge; sie sinkt auf die Stufe der Frauen herab, die nichts anderes wollen, als jedem Mann, wer immer er auch sei, den Kopf zu verdrehen. Um sich zu betäuben, sucht sie Zuflucht beim Morphium, bis die unerträglichen Qualen, die sie martern, sie eines Tages im bitteren Gefühl ihres moralischen Verfalls unter die Räder eines Eisenbahnwagens werfen. „Und der kleine Muschik, mit dem struppigen Bart” — die finstere Erscheinung, die sie und Wronski in ihren Träumen geschreckt hatte — „beugte sich vom Trittbrett des Wagens auf das Geleise hinunter”; und, so sagte der prophetische Traum, „er beugte sich tief herab über einen Sack und vergrub darin die Überreste von etwas, das das Leben gewesen war, das Leben mit seinen Qualen, seinen Täuschungen und seinen Schmerzen...”
„Die Rache ist mein, spricht der Herr.”[111]
Um diese Tragödie eines Herzens, das von der Liebe verzehrt und vom Gesetz Gottes zermalmt wird, — ein Werk aus einem Guß und von erschreckender Tiefe — hat Tolstoi, wie in „Krieg und Frieden”, die Romane anderer Leben gruppiert. Leider folgen sich hier die nebeneinander laufenden Geschichten ein wenig willkürlich und künstlich, ohne zu einem organischen Ganzen zu werden, wie die Symphonie „Krieg und Frieden”. Man wird auch finden, daß der vollkommene Realismus gewisser Szenen — z. B. die Schilderung der aristokratischen Kreise Petersburgs und ihrer müßigen Reden — manchmal im Grunde recht überflüssig ist. Und schließlich hat Tolstoi seine moralische Persönlichkeit und seine philosophischen Ideen noch offener als in „Krieg und Frieden” rein äußerlich in dieses Lebensbild hineingetragen. Deshalb aber ist das Werk von nicht geringerem wunderbaren Reichtum. Dieselbe Fülle von Gestalten wie in „Krieg und Frieden”, und alle erstaunlich gut beobachtet. Die Männer erscheinen mir womöglich noch besser gelungen als die Frauen. Tolstoi hat sich darin gefallen, den liebenswürdigen Egoisten Stefan Arkadjewitsch zu zeichnen, dem niemand begegnen kann, ohne sein einnehmendes Lächeln zu erwidern, und Karenin, den vollendeten Typus des hohen Beamten, des vornehmen Durchschnittsstaatsmannes, mit der Sucht, seine wahren Gefühle dauernd hinter Ironie zu verbergen: eine Mischung aus Würde und Feigheit, Pharisäertum und Christenglauben, ein sonderbares Produkt einer künstlichen Welt, von der er sich trotz seiner Intelligenz und tatsächlichen Großzügigkeit nicht freimachen kann, — und der wohl mit Recht seinem Herzen mißtraut; denn als er sich ihm schließlich überläßt, verfällt er einem albernen Mystizismus.
Der Roman mit der Annatragödie und den verschiedenartigen Bildern der russischen Gesellschaft um 1860 — Salons, Offizierskreisen, Bällen, Theatern, Rennen — fesselt aber vornehmlich seines autobiographischen Charakters wegen. Viel mehr als irgend eine andere Figur von Tolstoi ist Konstantin Lewin seine Verkörperung. Tolstoi gab ihm nicht nur seine gleichzeitig konservativen und demokratischen Ideen eines reaktionären Landedelmanns, der die Intellektuellen[112] verachtet, er gab ihm auch dieselben Lebensschicksale. Die Liebe Lewins und Kittys und ihre ersten Ehejahre sind eine Übertragung seiner eigenen häuslichen Erinnerungen, — ebenso wie der Tod von Lewins Bruder ein schmerzliches Heraufbeschwören des Todes von Tolstois Bruder Dmitri ist. Der ganze letzte Teil, der für den Roman unwesentlich ist, gibt uns Aufschluß über die Kümmernisse, die damals Tolstoi bewegten. Wenn das Nachwort zu „Krieg und Frieden” eine künstlerische Überleitung zu einem anderen geplanten Werke darstellt, so ist das Nachwort zu „Anna Karenina” eine autobiographische Überleitung zur moralischen Revolution, die zwei Jahre später in der „Beichte” zum Ausdruck kommen sollte. Schon innerhalb des Buches wird fortwährend, bald ironisch, bald heftig, Kritik geübt an der zeitgenössischen Gesellschaft, die er auch in seinen späteren Werken unaufhörlich bekämpfte. Krieg der Lüge, allen Lügen, den frommen sowohl wie den gottlosen, Krieg dem freisinnigen Gerede, der Wohltätigkeit der guten Gesellschaft, der Salonreligion, dem Philanthropentum! Krieg der Welt, die alle echten Gefühle verfälscht und die edle Begeisterung der Herzen unheilvoll vernichtet! Der Tod wirft ein jähes Licht auf die gesellschaftlichen Bräuche. Angesichts der sterbenden Anna wird der geschraubte Karenin gerührt. In diese Seele ohne Leben, in der alles erkünstelt ist, dringt ein Strahl von Liebe und christlicher Vergebung. Alle drei, der Gatte, die Frau und der Liebhaber, sind plötzlich verwandelt. Alles wird einfach und ohne Falsch. Aber in dem Maße, wie Anna sich erholt, merken sie alle drei, „angesichts der nahezu heiligen sittlichen Kraft, die sie innerlich leitete, das Bestehen einer anderen rohen, aber allmächtigen Macht, die ihr Leben gegen ihren Willen beherrscht und ihnen keinen Frieden gönnen wird”. Und sie wissen im voraus, daß sie machtlos sein werden in diesem Kampf, in dem „sie das Böse, das die Welt für notwendig hält, werden tun müssen”[113].
Wenn sich Lewin, im Nachwort des Buches, wie Tolstoi, den er verkörpert, auch seinerseits läutert, so geschieht das, weil der Tod auch ihn berührt hat. Bis dahin „war er unfähig zu glauben, aber ebenso unfähig, vollständig zu zweifeln”. Seitdem er seinen Bruder sterben gesehen, packt ihn der Schrecken über seine Unwissenheit. Seine Heirat erstickt eine Zeitlang diese Ängste. Aber mit der Geburt seines ersten Kindes erscheinen sie wieder. Er macht abwechselnd Zeiten der Frömmigkeit und Zeiten der Gottesleugnung durch. Vergebens liest er die Philosophen. In seiner Verirrung kommt er so weit, daß er die Lockung des Selbstmordes fürchtet. Die körperliche Arbeit verschafft ihm Erleichterung: da gibt es keine Zweifel, alles ist klar. Lewin unterhält sich mit den Bauern, und einer von ihnen spricht ihm von den Menschen, „die nicht um ihretwillen, sondern um Gottes willen leben”. Das ist ihm eine Erleuchtung. Er sieht den Widerstreit zwischen der Vernunft und dem Herzen. Die Vernunft lehrt den wilden Kampf ums Dasein; aber die Nächstenliebe hat nichts mit der Vernunft zu tun: „Die Vernunft hat mich nichts gelehrt; alles was ich weiß, hat mir das Herz gegeben, hat mir das Herz offenbart”.
Von da ab kehrt Ruhe in ihn zurück. Das Wort des demutsvollen Muschiks, dem das Herz der einzige Führer ist, hat ihn zu Gott zurückgeführt... Zu welchem Gott? Er will es gar nicht wissen. In diesem Augenblick ist Lewin, wie Tolstoi es noch lange bleiben sollte, der Kirche ergeben und empört sich durchaus nicht gegen ihre Dogmen.
„Es gibt eine Wahrheit, selbst im Trugbild des Himmelsgewölbes und in der scheinbaren Bewegung der Gestirne.”