Aber wie soll man es anfangen, zum Volk zu gehören und seinen Glauben zu teilen? Wenn man auch wissen mag, daß die anderen recht haben, so hängt es doch nicht von uns ab, wie sie zu sein. Vergebens beten wir zu Gott; vergebens breiten wir unsere leeren Arme nach ihm aus. Gott entflieht. Wo soll man ihn fassen?
Aber eines Tages kam die Gnade.
„An einem Vorfrühlingstag war ich allein im Wald und lauschte seinem Rauschen. Ich dachte an meine Unruhe während der letzten drei Jahre, an mein Suchen nach Gott, an mein dauerndes Schwanken zwischen Freude und Verzweiflung... Und plötzlich sah ich, daß ich nur lebte, wenn ich an Gott glaubte. Wenn ich nur an ihn dachte, erhoben sich in mir die frohen Wogen des Lebens. Alles ringsum belebte sich, alles bekam einen Sinn. Aber sobald ich nicht mehr an ihn glaubte, stockte plötzlich das Leben. — ‚Was suche ich also noch?’ rief eine Stimme in mir. ‚Er ist es doch, ohne den man nicht leben kann! Gott kennen und leben ist eins. Gott ist das Leben...’
Seitdem hat mich diese Leuchte nie mehr verlassen.”[120]
Er war gerettet. Gott war ihm erschienen[121].
Aber da er kein indischer Mystiker war, dem die Ekstase genügt, da sich in ihm der Hang zur Vernunft und der Tätigkeitsdrang des Abendländers den Träumen des Asiaten beimischte, so mußte er die ihm gewordene Offenbarung in praktischen Glauben umsetzen und aus diesem göttlichen Erleben Regeln für das tägliche Leben ableiten. Ohne jede Parteinahme, mit dem aufrichtigen Wunsch, den Glauben der Seinen zu teilen, fing er an, die Lehre der orthodoxen Kirche, der er angehörte, zu studieren[122]. Um ihr näherzukommen, unterwarf er sich drei Jahre lang all ihren Zeremonien, beichtete, nahm das Abendmahl, wagte nicht über das, was ihn befremdete, zu Gericht zu sitzen, ersann Erklärungen für das, was er dunkel oder unverständlich fand, vereinte sich im selben Glauben mit allen Lebenden und Toten, die er liebte, und gab die Hoffnung nicht auf, daß in einem gewissen Augenblick „die Liebe ihm die Pforten der Wahrheit erschlösse”. — Aber er konnte machen, was er wollte: sein Verstand und sein Herz lehnten sich dagegen auf. Handlungen wie die Taufe und das Abendmahl erschienen ihm unerhört. Wenn man ihn zwang nachzusprechen, daß die Hostie der wirkliche Leib und das wirkliche Blut Christi sei, „war es ihm, als ob man ihm ein Messer ins Herz stieße”. Aber trotzdem waren es nicht die Dogmen, die zwischen ihm und der Kirche eine unübersteigbare Mauer errichteten, sondern die praktischen Fragen, — insbesondere zwei: die haßerfüllte gegenseitige Unduldsamkeit der Kirchen[123] und die ausdrückliche oder stillschweigende Sanktionierung des Mordes: — der Krieg und die Todesstrafe.
Tolstoi und seine Frau, die Gräfin Tolstoi
Nun brach Tolstoi völlig mit der Kirche, und sein Bruch war um so schroffer, als er die letzten drei Jahre seinem Denken ihr gegenüber Gewalt angetan hatte. Er schonte nichts mehr. Voll Zorn trat er die Religion, auf deren Ausübung er tags zuvor noch hartnäckig bestanden hatte, mit Füßen. In seiner „Kritik der dogmatischen Theologie” (1879-1881) behandelte er sie nicht nur als „Tollheit, sondern als bewußte, eigennützige Lüge”[124]. Er stellte ihr in seiner „Konkordanz und Übersetzung der vier Evangelien” (1881-1883) das Evangelium gegenüber. Auf dem Evangelium baute er schließlich seinen Glauben auf. „Mein Glaube” (1883).