Er faßt ihn in folgende Worte:
„Ich glaube an die Lehre Christi. Ich glaube, daß das Glück auf Erden nur möglich ist, wenn alle Menschen tun werden, was diese Lehre vorschreibt.”
Der Eckstein des Glaubens ist für Tolstoi die Bergpredigt, deren Hauptlehre er in fünf Gebote zusammenfaßt:
| I. | Du sollst nicht in Zorn geraten. |
| II. | Du sollst nicht ehebrechen. |
| III. | Du sollst nicht schwören. |
| IV. | Du sollst nicht Böses mit Bösem vergelten. |
| V. | Du sollst niemandes Feind sein. |
Das ist der negative Teil der Lehre, deren positiver Teil sich in dem einen Gebot zusammenfassen läßt:
Liebe Gott und deinen Nächsten, wie dich selbst.
„Christus hat gesagt, wer das geringste dieser Gebote übertritt, wird den geringsten Platz im Himmelreich bekommen.”
Und Tolstoi fügt naiv hinzu:
„So seltsam es klingt, so habe ich doch nach achtzehn Jahrhunderten diese Regeln als etwas Neues entdecken müssen.”
Glaubt nun Tolstoi etwa an die Göttlichkeit Christi? — Keineswegs. Weshalb beruft er sich dann auf ihn? Als auf den Größten aus dem Geschlecht der Weisen, — der Brahmanen, Buddha, Lao Tse, Konfuzius, Zarathustra, Jesaja, — die den Menschen das wahre Glück, das sie erstreben, gezeigt haben und den Weg, den sie beschreiten müssen[125]. Tolstoi ist der Schüler dieser großen Religionsschöpfer, dieser Halbgötter, dieser indischen, chinesischen und jüdischen Propheten. Er verteidigt sie — was er unter verteidigen versteht: indem er angreift — gegen die, die er „Pharisäer” und „Schriftgelehrte” nennt: gegen die bestehenden Kirchen und gegen die Vertreter der stolzen Wissenschaft, oder besser „der wissenschaftlichen Scheinphilosophie”[126]. Nicht als ob er die Offenbarung gegen die Vernunft anriefe. Seitdem er die Zeiten der Bedrängnis, über die er in der „Beichte” berichtet, überwunden hat, ist und bleibt er im wesentlichen ein Vernunftgläubiger, man könnte sagen ein Vernunftmystiker.