„Im Anfang war das Wort”, wiederholt er mit dem Evangelisten Johannes, „das Wort, logos, d. i. die Vernunft.”[127]

Sein Buch „Das Leben” (1887) trägt als Motto die berühmten Worte Pascals[128]:

„Der Mensch ist nur ein Rohr, das schwächste der Natur, aber ein denkendes Rohr... Unser ganzes Ansehen beruht auf dem Denken... Bemühen wir uns also, gut zu denken: das ist das Prinzip der Sittlichkeit.”

Und das ganze Buch ist ein einziger Hymnus auf die Vernunft.

Es ist wahr, daß seine Vernunft nicht die wissenschaftliche, die beschränkte Vernunft ist, „die den Teil für das Ganze hält und das tierische Leben für das ganze Leben”, sondern sie ist das höchste Gesetz, das das Menschenleben lenkt, „das Gesetz, nach dem notwendigerweise die vernünftigen Wesen, d. h. die Menschen, leben müssen.”

„Es ist ein Gesetz, ähnlich denen, die die Ernährung und Fortpflanzung des Tieres, das Wachsen und Blühen von Gras und Baum, die Bewegung von Erde und Sternen lenken. Erst in der Erfüllung dieses Gesetzes, in der Unterwerfung unserer Tiernatur unter das Vernunftgesetz, mit der Absicht, das Gute zu erobern, beruht unser Leben... Die Vernunft kann nicht definiert werden, und man braucht sie nicht zu definieren; denn wir alle kennen sie nicht nur, sondern wir kennen nur sie... Alles was der Mensch weiß, weiß er mittels der Vernunft und nicht des Glaubens[129]... Das wirkliche Leben beginnt erst in dem Augenblick, da sich die Vernunft offenbart. Das einzig wahre Leben ist das auf der Vernunft aufgebaute Leben.”

Was ist somit die sichtbare Existenz, unser Leben als Individuum? „Es ist nicht unser Leben,” sagt Tolstoi, „denn es hängt nicht von uns ab.”

„Unsere animalische Betätigung vollzieht sich außerhalb von uns selbst... Die Menschheit hat längst damit aufgeräumt, das menschliche Leben als die Existenz eines Individuums zu betrachten. Daß das Gute unmöglich dem Einzelindividuum eingeboren sein kann, ist eine unumstößliche Wahrheit für jeden Menschen unserer Zeit, der mit Vernunft begabt ist.”[130]

Es gibt da eine Reihe von Forderungen, worüber ich hier nicht zu sprechen habe, die aber zeigen, mit welcher Leidenschaft die Vernunft sich Tolstois bemächtigt hatte. Im Grunde beherrschte ihn diese neue Leidenschaft nicht weniger blind und eifersüchtig, als jene anderen Leidenschaften, die ihn während der ersten Hälfte seines Lebens erfaßt hatten. Das eine Feuer erlischt, das andere entzündet sich. Oder vielmehr, es ist immer das nämliche. Nur die Nahrung, die es erhält, wechselt.