Was diese Ähnlichkeit zwischen den Leidenschaften des Individuums und der Leidenschaft des Vernunftmenschen noch verstärkt, ist, daß es der einen wie den anderen nicht genügt, zu lieben, sie wollen handeln, sie wollen sich in die Tat umsetzen.
„Man soll nicht reden, sondern handeln”, sagt Christus.
Und worin besteht die Betätigung der Vernunft? — In der Liebe.
„Die Liebe ist die einzige vernunftgemäße Betätigung des Menschen, die Liebe ist der vernünftigste und lichtreichste Zustand der Seele. Alles, was der Mensch braucht, ist, daß nichts ihm die Sonne der Vernunft verberge, die allein ihn zum Wachstum bringt... Die Liebe ist das wahre Gut, das höchste Gut, das alle Widersprüche des Lebens aufhebt, das nicht nur die Schrecken des Todes verscheucht, sondern auch den Menschen dazu treibt, daß er sich für andere opfere; denn es gibt keine andere Liebe als die, welche ihr Leben hingibt für die, so sie liebt. Die Liebe ist nur dann dieses Namens wert, wenn sie sich selbst zum Opfer bringt. So ist denn auch die echte Liebe nur in die Wirklichkeit umzusetzen, wenn der Mensch begreift, daß ein persönliches Glück für ihn unmöglich zu erreichen ist. Dann erst versehen alle seine Lebenssäfte das edle Reis der echten Liebe mit Nahrung; und dieses Reis entnimmt seine ganze Wachstumskraft dem Stamme dieses wilden Baumes, dem Instinkt des Individuums.”[131]
So gelangt Tolstoi nicht zum Glauben wie ein ausgetrockneter Fluß, der sich im Sand verliert, er bringt den Strom ungestümer Kräfte mit, die sich während eines reichen Lebens angesammelt haben. — Man wird es noch im einzelnen sehen.
Dieser leidenschaftliche Glaube, in dem sich Vernunft und Liebe in inniger Verbindung einen, findet seinen erhabensten Ausdruck in der berühmten Antwort an den heiligen Synod, der ihn in den Kirchenbann tat[132]:
„Ich glaube an Gott, der für mich der Geist, die Liebe, der Urquell aller Dinge ist. Ich glaube, daß er in mir ist, wie ich in ihm bin. Ich glaube, daß der Wille Gottes nie klarer ausgedrückt wurde, als in der Lehre des Menschen Jesus Christus; aber man kann Christum nicht als Gott ansehen und ihn anbeten, ohne die größte Gotteslästerung zu begehen. Ich glaube, daß das wahre Glück des Menschen in der Erfüllung des Willens Gottes beruht; ich glaube, daß es der Wille Gottes ist, daß jeder Mensch seine Nächsten liebe und stets gegen sie handle, wie er möchte, daß sie gegen ihn handeln, was, wie das Evangelium sagt, der Geist des Testamentes und der Propheten ist. Ich glaube, daß für jeden von uns der Sinn des Lebens nur darin besteht, die Liebe in uns zu vergrößern; ich glaube, daß diese Entfaltung unserer Liebeskraft einem täglich wachsenden Glück in diesem Leben und einer vollkommeneren Glückseligkeit im Jenseits gleichkommt; ich glaube, daß dieses Wachsen der Liebe, mehr als jede andere Kraft, beitragen wird zur Gründung des Reiches Gottes auf Erden, indem es eine Lebensordnung, in der Zwist, Lüge und Gewalt allmächtig sind, ersetzt durch eine Einrichtung, in der Eintracht, Wahrheit und Brüderlichkeit herrschen werden. Ich glaube, daß es nur ein Mittel gibt, in der Liebe fortzuschreiten: das Gebet. Nicht das öffentliche Gebet in den Tempeln, das Christus ausdrücklich verworfen hat (Matthäi VI, 5-13), sondern das Gebet, zu dem er selbst uns das Beispiel gegeben hat, das Gebet des einzelnen, das in uns das Bewußtsein vom Sinn unseres Lebens und das Gefühl, daß wir nur vom Willen Gottes abhängen, wieder stärkt... Ich glaube an das ewige Leben, ich glaube, daß dem Menschen seine Taten vergolten werden, hier und überall, jetzt und immerdar. Ich glaube dies alles so fest, daß ich in meinem Alter, an der Schwelle des Grabes, mir oft Gewalt antun muß, um nicht den Tod meines Leibes zu erflehen, will sagen meine Geburt zu einem neuen Leben...”