Seine Logik war heldenhaft.
„Ich wundere mich immer über die so oft wiederholten Worte: ‚Ja, das ist ganz schön in der Theorie, aber wie wird es in der Praxis sein?’ Als ob die Theorie in schönen Worten für die Unterhaltung bestände, aber keineswegs um sie zur Praxis werden zu lassen!... Wenn ich eine Sache, über die ich nachgedacht, verstanden habe, dann kann ich sie nicht anders ausführen, als wie ich sie verstanden habe.”[137]
Er fängt an, das Elend in Moskau, wie er es im Verlauf seiner Besuche in den Armenvierteln und in den Nachtasylen gesehen hat, mit photographischer Treue zu beschreiben[138]. Er überzeugt sich davon, daß er diese Unglücklichen, die mehr oder weniger von der Verderbnis der Städte ergriffen sind, nicht, wie er erst geglaubt hatte, mit Geld retten kann. Nun sucht er energisch den Ursprung des Übels zu ergründen. Und Glied um Glied entrollt sich die fürchterliche Kette der Verantwortlichkeit. Zunächst die Reichen und das Gift ihres verfluchten Luxus, der lockt und verdirbt[139]. Die allgemeine Versuchung des Lebens ohne Arbeit. — Dann der Staat, diese mörderische Einrichtung, die von den Gewalthabern geschaffen wurde, um zu ihrem Nutzen die übrige Menschheit auszurauben und zu beherrschen. — Die Kirche, die Wissenschaft und die Kunst als Spießgesellen ... Wie soll man alle diese Heere des Bösen bekämpfen? Zuvörderst, indem man ablehnt, in sie einzutreten. Indem man ablehnt, an der Ausbeutung der Menschheit teilzunehmen. Indem man auf Geld und irdischen Besitz verzichtet[140]. Indem man dem Staate nicht dient.
Aber das ist nicht genug; man soll „nicht lügen”, man soll keine Angst vor der Wahrheit haben. Man soll „bereuen” und den schon von der Schule her eingewurzelten Hochmut ausrotten. Schließlich soll man körperliche Arbeit tun. ‚Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen’ ist das oberste und wichtigste Gebot[141]. Und Tolstoi sagt im voraus als Antwort auf die Spöttereien der Vornehmen, daß die körperliche Arbeit in nichts die geistigen Kräfte hemme, sondern daß sie sie im Gegenteil steigere, und daß sie den normalen Forderungen der Natur entspreche. Die Gesundheit kann dabei nur gewinnen; die Kunst noch mehr. Außerdem stellt sie die Einigkeit unter den Menschen wieder her.
In seinen folgenden Werken geht Tolstoi daran, diese Vorschriften der moralischen Gesundheitslehre zu vervollständigen. Er bemüht sich, die Seelenkur zu Ende zu führen und die Energie zu stärken, indem er die lasterhaften Vergnügungen, die das Gewissen einschläfern[142], und die grausamen Vergnügungen, die es töten[143], in Acht und Bann tut. Er selbst gibt das Beispiel. Im Jahre 1884 hat er seine zutiefst eingewurzelte Leidenschaft zum Opfer gebracht: die Jagd[144]. Er übt die Enthaltsamkeit, die den Willen stählt. Wie ein Wettkämpfer, der sich eine strenge Zucht auferlegt, um siegreich zu fechten.
„Was sollen wir denn tun?” bezeichnet die erste Strecke auf dem schwierigen Wege, den Tolstoi damit beschritt, daß er die verhältnismäßig friedliche Tätigkeit religiöser Betrachtung aufgab und sich in soziale Fragen verwickelte. Und von diesem Augenblick an begann jener zwanzigjährige Krieg gegen die Verbrechen und Lügen der Zivilisation, den der greise Prophet von Jasnaja Poljana im Namen des Evangeliums führte, allein, außerhalb aller Parteien und gegen sie alle.
In seiner Umgebung begegnete der moralische Umschwung Tolstois nur geringer Sympathie; er betrübte die Seinen aufs tiefste. Seit langem schon beobachtete die Gräfin Tolstoi in Unruhe das Fortschreiten eines Übels, das sie vergebens bekämpfte. Vom Jahre 1874 ab war sie unwillig darüber, ihren Gatten so viel Kraft und Zeit an Arbeiten für die Schule verlieren zu sehen:
„Ich verachte diese Fibel, diese Rechenlehre, diese Grammatik, und ich kann nicht so tun, als ob ich mich dafür interessierte.”