Ganz anders war es, als auf die Pädagogik die Religion folgte. So feindselig war die Aufnahme, die die Gräfin den ersten Bekenntnissen des jüngst Bekehrten bereitete, daß Tolstoi die Verpflichtung verspürt, sich zu entschuldigen, wenn er in seinen Briefen von Gott spricht:

„Ärgere Dich nicht, wie Du es manchmal tust, wenn ich Gott erwähne; ich kann es nicht vermeiden, denn er ist der Urgrund meines Denkens.”[145]

Die Gräfin ist zweifellos gerührt; sie versucht, ihre Ungeduld nicht merken zu lassen, aber sie begreift nicht; sie beobachtet ihren Gatten voll Unruhe:

„Seine Augen sind seltsam, starr. Er spricht fast gar nicht. Er scheint nicht von dieser Welt zu sein.”[146]

Sie glaubt, daß er krank ist:

„Leo arbeitet, wie er sagt, immer. Unglückseligerweise schreibt er irgendwelche religiösen Abhandlungen. Er liest und grübelt, bis er Kopfschmerzen bekommt, und alles das, um zu beweisen, daß die Kirche nicht mit der Lehre des Evangeliums übereinstimme. In Rußland finden sich kaum zehn Personen, die das interessieren könnte. Aber da ist nichts zu wollen. Ich wünsche nur eines: daß er schnellstens ein Ende damit mache, und daß es wie eine Krankheit vorübergehe.”[147]

Die Krankheit ging nicht vorüber. Das Verhältnis zwischen den beiden Gatten wurde immer peinlicher. Sie liebten sich, sie hatten die höchste Achtung voreinander; aber sie konnten sich nicht verstehen. Sie versuchten, sich gegenseitige Zugeständnisse zu machen, die — wie das gewöhnlich ist — zu gegenseitigen Quälereien wurden. Tolstoi fühlte sich verpflichtet, den Seinen nach Moskau zu folgen. Er schrieb in sein Tagebuch:

„Der übelste Monat meines Lebens. Die Einrichtung in Moskau. Alle richten sich ein. Wann werden sie wohl zu leben anfangen? Alles das, nicht um zu leben, sondern weil die anderen Leute es ebenso machen! Diese Unglücklichen!...”[148]

In diesen selben Tagen schrieb die Gräfin:

„Moskau. Morgen wird es einen Monat, daß wir hier sind. In den beiden ersten Wochen habe ich jeden Tag geweint, weil Leo nicht nur traurig, sondern geradezu niedergeschlagen war. Er schlief nicht, er aß nicht, und manchesmal weinte er sogar; ich glaubte, ich würde verrückt.”[149]