Sie mußten sich eine Zeitlang trennen. Sie bitten einander um Verzeihung, daß sie sich Leid zufügen. Wie lieben sie sich immer noch!... Er schreibt ihr:
„Du sagst: ‚Ich liebe Dich, aber Du brauchst meine Liebe nicht.’ Deine Liebe ist das einzige, was ich brauche... sie erfreut mich mehr als alles auf der Welt.”[150]
Aber sobald sie sich wieder zusammenfinden, macht sich der Mißklang wieder bemerkbar. Die Gräfin vermag nun einmal nicht Tolstois religiösem Hang zu folgen, der ihn jetzt dazu treibt, bei einem Rabbiner Hebräisch zu erlernen.
„Nichts anderes interessiert ihn mehr. Er verschwendet seine Kräfte an Albernheiten. Ich kann meine Unzufriedenheit nicht verbergen.”
Sie schreibt ihm:
„Ich bin nur traurig darüber, daß solche geistigen Kräfte sich mit Holzhacken, Schuhflicken und Samowarheizen verausgaben.”
Und mit dem zärtlichen und amüsierten Lächeln einer Mutter, die ihr Kind allerlei unsinnige Spiele treiben sieht, fügt sie hinzu:
„Schließlich habe ich mich mit dem russischen Sprichwort getröstet: ‚Wie das Kind sich auch zerstreut, Hauptsach' ist, daß es nicht schreit.’”[151]
Aber bevor der Brief noch abgeschickt ist, sieht sie in Gedanken, wie ihr Mann mit seinen guten, treuherzigen Augen diese Zeilen liest, und wie der ironische Ton ihn betrübt; und ihre Liebe zu ihm läßt sie den Brief wieder öffnen:
„Plötzlich hast Du so klar vor mir gestanden, und ich habe eine solche Zärtlichkeit für Dich empfunden! In Dir ist etwas so Weises, so kindlich Einfaches, so Treues, und alles das von hellster Güte überstrahlt, und dieser Blick, der bis ins Herz dringt... und nur Dir allein ist dies eigen.”