Tolstoi im Jahre 1910
Die Logik seiner Vernunft, der Starrsinn seines Glaubens lieferten ihn dem Dilemma aus: sich von den übrigen Menschen oder von der Wahrheit loszusagen. Er erinnerte sich des russischen Sprichwortes: „Ein Alter, der lügt, ist wie ein Reicher, der stiehlt”, und er sagte sich von den Menschen los, um die Wahrheit zu sagen. Er sagte sie ohne Vorbehalt allen. Der alte Lügenjäger macht weiter unermüdlich Jagd auf jeden religiösen oder sozialen Aberglauben, auf jede Fetischanbetung. Er wendet sich nicht nur gegen die alten böswilligen Mächte, die verfolgungssüchtige Kirche und die zaristische Selbstherrschaft. Vielleicht beruhigt er sich jetzt sogar ein wenig über sie, nun, da alle Welt den Stein auf sie wirft. Man kennt sie, sie sind nicht mehr so zu fürchten! Und schließlich tun sie nur, was ihres Amtes ist, sie betrügen nicht. Tolstois Brief an den Zaren Nikolaus II.[206] ist bei aller schonungslosen Wahrheit gegenüber dem Herrscher voller Güte für den Menschen, den er seinen „lieben Bruder” nennt, den er bittet, „ihm zu vergeben, wenn er ihn, ohne es zu wollen, betrübt habe”. Und er unterzeichnet: „Dein Bruder, der dir das wirkliche Glück wünscht”.
Aber was Tolstoi am wenigsten verzeiht, was er mit großer Heftigkeit angreift, sind die neuen Lügen, nicht die alten, die längst an den Tag gekommen sind. Er bekämpft nicht den Despotismus, sondern das Trugbild der Freiheit. Und man weiß nicht, wen er unter den Anbetern neuer Götzen mehr haßt, die Sozialisten oder die „Liberalen”.
Seine Abneigung gegen die Liberalen war schon alten Datums. Er hatte sie gleich damals empfunden, da er als Offizier von Sewastopol in den Kreis der Petersburger Literaten gekommen war. Es war einer der Gründe gewesen für sein schlechtes Einvernehmen mit Turgenjew. Der stolze Aristokrat, der Mensch alter Rasse, konnte diese Intellektuellen nicht ertragen, und ebenso wenig ihre Anmaßung, dem russischen Volke, ob es wollte oder nicht, das Glück zu bringen, indem sie ihm ihre Utopien aufdrängten. Als Urrusse vom alten Stamm[207], war er mißtrauisch gegen die liberalen Neuerungen, gegen jene konstitutionellen Ideen, die aus dem Westen kamen; und seine beiden Reisen in Europa bestärkten ihn nur in seinem Vorurteil. Als er von der ersten Reise heimkam, schrieb er:
„Der Ehrgeiz des Liberalismus ist zu vermeiden.”[208]
Und nach der zweiten:
„Die privilegierte Gesellschaft hat keineswegs das Recht, das Volk, das ihr ganz fern steht, auf ihre Art zu erziehen.”[209]
In „Anna Karenina” ergeht er sich lang und breit in seiner Verachtung für die Liberalen. Lewin verweigert seine Beteiligung am Werk der Provinzialeinrichtungen für die Volksbelehrung und an den sonstigen Neuerungen, die an der Tagesordnung sind. Das Bild, das die Wahlen zur Provinzialversammlung aufweisen, zeigt, wie ein Land hereinfällt, wenn es seine alte konservative Verwaltung durch eine liberale ersetzt. Nichts hat sich geändert; es gibt nur eine Lüge mehr und Herren von geringerer Herkunft.