„Wir sind vielleicht nicht allzuviel wert”, äußert der Vertreter der Aristokratie, „aber wir haben es trotzdem ganze tausend Jahre lang ausgehalten.”
Und Tolstoi ärgert sich über den Mißbrauch, den die Liberalen mit dem Wort „Volk”, „Volkswille” treiben. Was wissen sie denn überhaupt vom Volk? Was ist ihnen das Volk?
Besonders aber zu der Zeit, da die liberale Bewegung sich durchzusetzen scheint und sie die erste Duma einberufen läßt, drückt Tolstoi heftig sein Mißfallen gegenüber den konstitutionellen Ideen aus.
„In letzter Zeit hat die Entartung des Christentums einem neuen Betrug Platz gemacht, der unsere Völker noch tiefer in seine Knechtschaft hineinstößt. Mit Hilfe eines komplizierten parlamentarischen Wahlverfahrens wurde ihnen eingeredet, daß, wenn sie ihre Abgeordneten direkt wählten, sie an der Regierung teilnähmen, und daß sie, wenn sie diesen Abgeordneten gehorchten, nur ihrem eigenen Willen gehorchten und somit frei seien. Das ist ein Betrug. Das Volk kann seinen Willen nicht kundgeben, selbst nicht durch das allgemeine Wahlrecht: 1. weil es einen solchen Gesamtwillen einer Nation von vielen Millionen Einwohnern überhaupt nicht geben kann, und 2. weil, selbst wenn es ihn gäbe, die Stimmenmehrheit nicht sein Ausdruck wäre. Ohne auf den Umstand Gewicht zu legen, daß die Gewählten nicht mit Rücksicht auf das allgemeine Wohl, sondern auf die Erhaltung ihrer Machtstellung Gesetze erlassen und die Verwaltungsgeschäfte besorgen, — ohne sich auf die Tatsache zu berufen, daß ein Volk durch die Wahlbeeinflussung und die Wahlmanöver verkommen muß, — ist diese Lüge besonders unheilvoll im Hinblick auf das Anmaßende dieser Sklaverei, in welche die verfallen, die sich ihr unterwerfen... Jene freien Menschen erinnern an Gefangene, die sich einbilden, Freiheit zu genießen, wenn sie das Recht haben, sich ihre Gefängniswärter auszuwählen... Ein Angehöriger eines despotisch regierten Staates kann, selbst unter dem grausamsten Zwang, vollständig frei sein. Aber ein Angehöriger eines konstitutionell regierten Staates ist immer Sklave; denn er erkennt die Gesetzmäßigkeit der gegen ihn angewandten Zwangsmaßregeln an... In eben denselben Zustand der konstitutionellen Sklaverei, in der die anderen europäischen Völker sind, möchte man das russische Volk führen!...”[210]
Für seine Abneigung gegen den Liberalismus ist die Geringschätzung das Bestimmende. Dem Sozialismus gegenüber ist es — oder vielmehr wäre es — der Haß, wenn sich Tolstoi nicht dagegen verwahrte, überhaupt zu hassen, was immer es auch sei. Er verabscheut den Sozialismus zwiefach, weil er zwei Lügen in sich vereinigt: die Lüge von der Freiheit und die von der Wissenschaft. Behauptet er doch, auf wer weiß welcher ökonomischen Wissenschaft gegründet zu sein, deren absolute Gesetze den Fortschritt der Welt lehren!
Tolstoi verfährt sehr streng mit der Wissenschaft. Er hat Worte voll schrecklicher Ironie für diesen modernen Aberglauben und „diese wertlosen Probleme: Entstehung der Arten, Spektralanalyse, Beschaffenheit des Radiums, Zahlentheorie, vorsintflutliche Tiere und anderen Firlefanz, dem man heutzutage dieselbe Wichtigkeit beimißt, die man im Mittelalter der unbefleckten Empfängnis oder der Transsubstantiation im Abendmahl beimaß”. Er macht sich lustig über „diese Diener der Wissenschaft, die ebenso wie die Diener der Kirche sich und den anderen einreden, daß sie die Menschheit retten, die ebenso wie die Kirche an ihre Unfehlbarkeit glauben, nie untereinander einig sind, sich in Gemeinden spalten und ebenso wie die Kirche der Hauptgrund sind für die Roheit, für die moralische Unwissenheit, die Hemmung, die den Menschen davon zurückhält, sich von dem Bösen, unter dem er leidet, freizumachen; denn sie haben das einzige verworfen, was die Menschheit einen könnte: das religiöse Gewissen.”[211]
Aber seine Erregung steigert sich, und sein Unwille kommt zum Ausbruch, als er diese gefährliche Waffe des neuen Fanatismus in den Händen derer sieht, die angeblich die Menschheit bessern wollen. Jeder Revolutionär macht ihn traurig, wenn er seine Zuflucht zur Gewalt nimmt. Aber der intellektuelle Revolutionär und Theoretiker flößt ihm Abscheu ein: solch einer ist ein Mörder aus Pedanterie, eine hochmütige, stumpfe Seele, der nicht die Menschen liebt, sondern nur seine eigenen Ideen[212].
Übrigens recht niedrige Ideen.