„Der Sozialismus hat die Befriedigung der niedersten Bedürfnisse des Menschen zum Ziel: sein materielles Wohlbefinden. Und selbst dieses Ziel durch die Mittel, die er anpreist, zu erreichen, ist er nicht imstande.”[213]
Im Grunde ist er ohne Liebe. Er kennt nur Haß gegen die Bedrücker und „einen blassen Neid auf das bequeme und satte Leben der Reichen: gleich kotbegierigem Fliegengeschmeiß[214]. Wenn der Sozialismus den Sieg davonträgt, dann wird es schrecklich in der Welt aussehen. Die europäische Horde wird über die schwachen und wilden Völker mit doppelter Macht herfallen und wird sie zu Sklaven machen, damit die früheren Proletarier Europas nach Herzenslust in ihrem müßigen Wohlleben zugrunde gehen können, wie einst die Römer[215].
Zum Glück verpufft die beste Kraft des Sozialismus in Rauch, — in Reden, wie denen des Sozialisten Jaurès...
„Welch wundervoller Redner! In seinen Reden ist alles und nichts... Mit dem Sozialismus geht es so ähnlich wie mit unserer russischen Orthodoxie: man treibt sie in die Enge, man drängt sie in ihre letzten Verschanzungen, man glaubt sie gefaßt zu haben, da dreht sie sich schroff um und sagt: ‚Aber nicht doch! Ich bin nicht die, die du glaubst, ich bin eine ganz andere.’ Und sie entgleitet deiner Hand... Geduld! Die Zeit wird es machen. Es wird mit den sozialistischen Theorien sein wie mit den Damenmoden, die ungeheuer schnell ihren Weg aus dem Salon in das Vorzimmer nehmen.”[216]
Wenn Tolstoi einen solch heftigen Krieg gegen die Liberalen und die Sozialisten führt, so geschieht es nicht etwa, um der Autokratie das Schlachtfeld zu überlassen; er will im Gegenteil, daß der Kampf zwischen der alten und der neuen Welt vollständig ausgetragen werde, nachdem man erst die störenden und gefährlichen Elemente aus der Kampfreihe entfernt habe. Denn auch er glaubt an die Revolution. Doch sein Revolutionsglaube ist ein anderer als der der Revolutionäre: er erinnert mehr an den Glauben eines mittelalterlichen Mystikers, der für morgen, ja für heute vielleicht schon, das Reich des Heiligen Geistes erwartet: „Ich glaube, daß genau zu dieser Stunde die große Revolution beginnt, die sich seit zweitausend Jahren in der Christenwelt vorbereitet, — die Revolution, die an Stelle des verfälschten Christentums und der daraus hergeleiteten Herrschaft das wahre Christentum setzen wird, die Grundlage für die Gleichheit unter den Menschen und die echte Freiheit, nach der alle vernunftbegabten Menschen streben.”[217]
Und welche Stunde wählt er, dieser prophetische Seher, um die neue Ära des Glückes und der Liebe zu verkünden? Die düsterste Stunde Rußlands, die Stunde des Unheils und der Schande. Welch herrliche Macht des schöpferischen Glaubens! Alles um ihn ist Licht, — bis zur Nacht. Tolstoi erblickt im Untergang die Zeichen der Erneuerung: in den unglücklichen Schlachten des Krieges in der Mandschurei, in dem Zusammenbruch der russischen Heere, in der fürchterlichen Anarchie und dem blutigen Klassenkampf. Mit traumhafter Logik zieht er aus dem Sieg Japans den erstaunlichen Schluß, daß Rußland sich von jedwedem Krieg fernhalten muß; denn die nichtchristlichen Völker werden im Kriegsfalle immer im Vorteil sein gegenüber den christlichen Völkern, „die die Phase des knechtischen Gehorsams überschritten haben”. Bedeutet das eine Absage an sein Volk? — Nein, es ist höchster Stolz. Rußland soll sich von jedem Krieg fernhalten, weil es „die große Revolution” durchführen muß.
„Die Revolution von 1905, die die Menschen von rohem Druck befreien wird, muß ihren Anfang in Rußland nehmen.”
Warum soll Rußland diese Rolle des auserwählten Volkes spielen? Weil die neue Revolution vor allem „das große Verbrechen” gutmachen soll, die Monopolisierung des Bodens zum Nutzen von ein paar tausend reichen Leuten, die Sklaverei von Millionen Menschen, die grausamste aller Sklavereien[218]. Und weil kein Volk sich dieses schreienden Unrechts so bewußt ist wie das russische[219].
Aber ganz besonders, weil das russische Volk unter allen Völkern dasjenige ist, welches am meisten vom wahren Christentum durchdrungen ist, und weil die kommende Revolution das Gebot der Einigkeit und der Liebe in Christi Namen verwirklichen soll. Und dieses Gebot der Liebe kann sich nicht erfüllen, wenn es sich nicht stützt auf das Gebot: Widerstrebet nicht dem Bösen[220]. Und dieses Nichtwiderstreben (achten wir wohl darauf, wir, die wir zu Unrecht darin eine Utopie erblicken, an die nur Tolstoi und noch ein paar Schwärmer glauben) ist und war immer ein Grundzug des russischen Volkes.