„Das russische Volk hat in bezug auf die Gewalt immer eine ganz andere Stellung eingenommen als die anderen europäischen Völker. Nie hat es einen Kampf gegen die Gewalt eröffnet; es hat sogar nie an einem Kampf gegen sie teilgenommen, und infolgedessen hat es nie durch ihn besudelt werden können. Es hat die Gewalt als ein Übel betrachtet, dem man ausweichen muß. Die Mehrzahl der Russen hat immer lieber Gewalttätigkeiten erduldet, als daß sie ihnen Widerstand geleistet oder an ihnen teilgenommen hätte. Sie hat sich also immer unterworfen...”

Es war eine freiwillige Unterwerfung, die mit knechtischem Gehorsam nichts zu tun hat[221].

„Der wahre Christ kann sich unterwerfen, es ist ihm sogar unmöglich, sich nicht kampflos jeder Gewalt zu unterwerfen, aber gehorchen kann er ihr nicht, das heißt, er kann nicht ihre Gesetzmäßigkeit anerkennen.”[222]

In dem Augenblick, als Tolstoi diese Zeilen schrieb, stand er unter dem Eindruck eines der tragischsten Beispiele dieses heroischen Duldens eines Volkes, — der blutigen Manifestation vom 20. Januar 1905 in Petersburg, wo eine waffenlose Menge, vom Popen Gapon angeführt, sich niederschießen ließ, ohne einen Schrei des Hasses, ohne einen Finger zur Verteidigung zu rühren.

Seit langem verweigerten in Rußland die Altgläubigen, die man die Sektierer nannte, trotz allen Verfolgungen dem Staate den Gehorsam und lehnten es ab, die Gesetzmäßigkeit der Staatsgewalt anzuerkennen.[223] Bei der Unsinnigkeit des russisch-japanischen Krieges konnte sich diese Geistesrichtung mühelos unter der Landbevölkerung Bahn brechen. Die Verweigerung des Militärdienstes nahm immer zu, und je grausamer man sie unterdrückte, um so stärker wuchs die Erbitterung. — Im übrigen hatten Provinzen, ganze Stämme, ohne Tolstoi zu kennen, das Beispiel unbedingter Gehorsamsverweigerung gegenüber dem Staat gegeben: die Duchoborzen des Kaukasus seit 1898 und die Georgier aus Gurien um 1905. Tolstoi wirkte weit geringer auf diese Bewegungen als sie auf ihn; und das Beste an seinen Schriften ist gerade, daß er, entgegen den Behauptungen der Schriftsteller von der Revolutionspartei, wie Gorki[224], die Stimme des altrussischen Volkes war.

Sein Verhalten den Menschen gegenüber, die die Grundsätze, zu denen er sich bekannte, mit Lebensgefahr in die Tat umsetzten[225], war sehr bescheiden und sehr würdig. Weder den Duchoborzen und den Guriern, noch den widerspenstigen Soldaten gegenüber spielt er sich als Lehrmeister auf.

„Wer keine Prüfung erduldet, kann den nichts lehren, der Prüfungen erduldet.”[226]

Er fleht alle die um Vergebung an, „die seine Worte und seine Schriften etwa in Leid gestürzt haben.”[227] Niemals fordert er jemand auf, den Militärdienst zu verweigern. Jeder soll sich selbst entscheiden. Wenn er mit einem zu tun hat, der unschlüssig ist, „rät er ihm stets, in den Heeresdienst einzutreten und den Gehorsam nicht zu verweigern, soweit es ihm nicht moralisch unmöglich ist”. Denn wenn man unschlüssig ist, dann ist man noch nicht reif; und „es ist besser, es gibt einen Soldaten mehr als einen Heuchler oder einen Abtrünnigen, was bei denen der Fall ist, die sich Taten zumuten, die über ihre Kräfte gehen.”[228] Er mißtraut der Entschließung des widerspenstigen Gontscharenko. Er fürchtet, „daß dieser junge Mensch nur von Eigenliebe und Ruhmsucht getrieben sei und nicht von Gottesliebe”.[229] Den Duchoborzen schreibt er, sie sollten nicht aus Stolz und Selbstbewußtsein in ihrer Gehorsamsverweigerung verharren, sondern, „wenn sie dessen fähig seien, ihre schwachen Frauen und ihre Kinder von dem Leiden befreien. Niemand werde sie darum verdammen.” Sie dürften sich nur dann widersetzen, „wenn der Geist Christi in ihnen verankert sei, weil sie dann glücklich sein würden über ihre Leiden.”[230] In jedem Falle bittet er die, die verfolgt werden, „um keinen Preis aufzuhören, ihre Verfolger wahrhaft zu lieben”.[231]

Man muß, wie er in einem schönen Brief an einen Freund sagt, Herodes lieben:

„Sie sagen: ‚Man kann Herodes nicht lieben.’ — Ich weiß es nicht, aber ich fühle — und auch Sie fühlen, daß man ihn lieben muß. Ich weiß — und auch Sie wissen es, daß ich leide, wenn ich ihn nicht liebe.”[232]