Es ist eine göttliche Reinheit, eine nie verlöschende Glut in dieser Liebe, die sich schließlich nicht einmal genug sein läßt an der Forderung des Evangeliums: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst”, weil sie darin noch einen Beigeschmack von Egoismus findet[233]!
Nach der Ansicht mancher ist es eine allzu umfassende Liebe und so sehr von jedem menschlichen Egoismus befreit, daß sie sich in der Leere verliert! — Und trotzdem — wer hegt ein größeres Mißtrauen gegen die „abstrakte Liebe” als Tolstoi?
„Die größte Sünde von heute ist die abstrakte Liebe der Menschen, die unpersönliche Liebe zu denen, die irgendwo im Weiten sind... Es ist so leicht, die Menschen zu lieben, die man nicht kennt, denen man nie begegnet! Man hat nicht nötig, irgendein Opfer zu bringen. Und dabei ist man so zufrieden mit sich! So prellt man das Gewissen. — Nein, den Nächsten soll man lieben, den, mit dem man zusammen lebt und der einem lästig ist.”[234]
Ich lese in den meisten Arbeiten über Tolstoi, daß seine Philosophie und sein Glaube nicht originell seien. Es ist wahr: die Schönheit dieser Gedanken ist zu ewig, als daß sie jemals als Modeneuheit erscheinen könnte... Andere heben ihren utopistischen Charakter hervor. Auch das ist wahr: sie sind utopistisch wie das Evangelium. Ein Prophet ist ein Utopist; er lebt schon hienieden das ewige Leben. Und daß diese Erscheinung uns vergönnt war, daß wir in unserer Mitte den letzten der Propheten sehen durften, daß der größte unserer Dichter von diesem Glorienschein umgeben ist, — das ist, wie mir scheint, eine originellere Tatsache und von größerer Bedeutung für die Welt als eine Religion mehr oder eine neue Philosophie. Blind sind die, die das Wunder dieser großen Seele nicht sehen, dieser Verkörperung der Bruderliebe in einem haßerfüllten Volk und Jahrhundert.
Die letzten Lebensjahre
Tolstois Antlitz hatte die Züge bekommen, die als endgültige im Gedächtnis der Menschen haften werden: die breite Stirn, von zwei Falten durchfurcht, die buschigen weißen Augenbrauen, den Patriarchenbart, der eine Erinnerung an den Moses von Dijon weckt. Das alte Gesicht ist milder, weicher geworden; in seiner innigen Güte trägt es die Spuren von Krankheit und Kummer. Wie hat es sich verändert gegen die fast tierische Brutalität des Zwanzigjährigen und die steifleinene Miene von Sewastopol! Aber die lichten Augen haben noch immer ihre tiefe und ruhige Klarheit, jene Geradheit des Blicks, der nichts verbirgt und dem nichts verborgen bleibt.
Neun Jahre vor seinem Tod sagte Tolstoi in der Antwort an den Heiligen Synod (17. April 1901):
„Ich bin es meinem Glauben schuldig, in Frieden und Freude zu leben und auch in Frieden und Freude dem Tode entgegenzugehen.”