Die andere war die Tante Alexandra, die allen half und nie Hilfe wollte, die ohne Dienstboten auskam, und deren Lieblingsbeschäftigung darin bestand, Lebensbeschreibungen von Heiligen zu lesen und sich mit Pilgern und „Einfältigen” zu unterhalten. Von diesen „Einfältigen” lebten mehrere im Haus. Eine von ihnen, eine alte Wallfahrerin, die Psalmen leierte, war die Patin von Tolstois Schwester. Ein anderer, der „Einfältige” Grischa, konnte nichts als beten und weinen...

„O, guter Christ Grischa! Dein Glaube war so stark, daß du die Nähe Gottes fühltest, deine Liebe war so heiß, daß deine Worte den Lippen entschlüpften, ohne daß dein Verstand sich Rechenschaft darüber gab. Und da du Gottes Herrlichkeit verehrtest und nicht Worte dafür fandest, warfst du dich tränenüberströmt zu Boden!”[10]

Wer sähe nicht den Anteil, den alle diese bescheidenen Seelen an der Entwicklung Tolstois hatten? Es ist, als ob eine von ihnen das Vorbild zum Tolstoi der letzten Jahre abgegeben habe. Ihre Gebete, ihre Liebe legten in den Geist des Kindes die Saatkörner des Glaubens, deren Ernte der Greis reifen sehen sollte. Außer von dem „Einfältigen” Grischa spricht Tolstoi in seinen Erzählungen aus der „Kindheit” nicht von diesen bescheidenen Mitarbeitern, die seine Seele aufbauen halfen. Aber wie leuchtet dafür diese Kindesseele durch das ganze Buch, „dieses reine und liebevolle Herz, gleich einem hellen Strahl, das immer bei den anderen die besten Eigenschaften herausfand”, diese außergewöhnliche Empfindsamkeit! Ist er glücklich, dann denkt er an den einzigen Menschen, den er unglücklich weiß, er weint und möchte sich für ihn aufopfern. Er umarmt ein altes Pferd und bittet es um Verzeihung, daß er ihm Leid zugefügt hat. Er ist glücklich zu lieben, selbst wenn er nicht geliebt wird. Schon bemerkt man den Keim seines späteren Genies, seine lebhafte Einbildungskraft, die ihn bei seinen eigenen Geschichten zum Weinen bringt, sein immer arbeitendes Hirn, das stets zu ergründen sucht, an was die Leute denken, seine frühreife Beobachtungsgabe und sein weit zurückreichendes Gedächtnis[11], den aufmerksamen Blick, der mitten in seiner eigenen Trauer die Gesichter auf die Echtheit ihres Schmerzes prüft. Mit fünf Jahren fühlte er, wie er sagt, zum erstenmal, daß „das Leben kein Vergnügen, sondern ein ernstes Geschäft ist”[12].

Glücklicherweise vergaß er es wieder. Zu jener Zeit vertiefte er sich in volkstümliche Erzählungen, in russische Bylinen, jene mythen- und sagenhaften Träume, in biblische Geschichten — vor allem die erhabene Josephslegende, die er als alter Mann noch als das Muster aller Kunst bezeichnet, — und in Geschichten aus „Tausendundeine Nacht”, die jeden Abend im Hause seiner Großmutter ein blinder Erzähler, auf dem Fenstersims sitzend, vortrug.


Er studierte in Kasan[13] mit mäßigem Erfolg. Man sagte von den drei Brüdern[14]: „Sergius will und kann, Dmitri will und kann nicht, Leo will nicht und kann nicht.”

Er machte die Zeit durch, die er „die Wüste der Jugend” nennt, eine Sandwüste, über die stoßweise sengende Winde wehen. Die Geschichten aus den Knaben- und Jünglingsjahren sind reich an Bekenntnissen persönlichster Art aus dieser Zeit. Er ist allein. Sein Hirn ist in einem Zustand ununterbrochenen Fiebers. Während eines Jahres entdeckt er von sich aus alle Systeme und versucht sich darin[15]. Als Stoiker unterwirft er sich körperlichen Qualen. Als Epikureer gibt er sich der Ausschweifung hin. Dann glaubt er an Seelenwanderung, um schließlich in einen sinnlosen Nihilismus zu verfallen: es scheint ihm, daß er dem Nichts ins Auge schauen kann, wenn er sich nur schnell genug danach umdreht. Er analysiert sich und analysiert sich...

„Ich dachte nicht mehr an irgendeine Sache, ich dachte, daß ich an irgendeine Sache dachte[16].”

Diese fortgesetzte Selbstzergliederung, diese Denkmaschine, die sich im leeren Raum dreht, bleibt ihm wie eine gefährliche Gewohnheit, die, wie er äußert, ihm oft im Leben schadete, aus der aber seiner Kunst unerhörte Hilfsquellen flossen[17].