Bei diesem Beginnen hatte er seine ganzen Überzeugungen eingebüßt; so glaubte er wenigstens. Mit sechzehn Jahren hörte er auf zu beten und in die Kirche zu gehen[18]. Aber sein Glaube war nicht tot, er glimmte nur im Verborgenen weiter:
„Trotzdem glaubte ich an etwas. An was? Das könnte ich nicht sagen. Ich glaubte noch an Gott, oder vielmehr, ich leugnete ihn nicht. Aber was für einen Gott? Das wußte ich nicht. Ich leugnete auch Christum und seine Lehre nicht, aber worin diese Lehre bestand, hätte ich nicht sagen können[19].”
Für Augenblicke träumte er davon, Gutes zu tun. Er wollte seinen Wagen verkaufen, den Erlös den Armen geben, ihnen den Zehnten seines Vermögens opfern, sich ohne Dienstboten behelfen... „denn es sind Menschen wie ich[20]”. Er schrieb während seiner Krankheit[21] „Lebensregeln” nieder. Darin weist er naiv auf die Pflicht hin, „alles zu studieren und alles zu ergründen: Rechtslehre, Medizin, Sprachen, Landwirtschaft, Geschichte, Geographie, Mathematik, den höchsten Grad der Vollendung in der Musik und in der Malerei zu erreichen” usw. Er hatte „die Überzeugung, daß das Schicksal des Menschen in seiner unablässigen Vervollkommnung liege”.
Aber von den Leidenschaften seiner Jugend, von ungestümer Sinnlichkeit und grenzenloser Eigenliebe[22] getrieben, irrte dieser Glaube an die Vollkommenheit unvermerkt ab, verlor seinen selbstlosen Charakter und wurde praktisch und materiell. Wenn er seinen Willen, seinen Körper und seinen Geist vervollkommnen wollte, so geschah es nur, um die Welt zu besiegen und Liebe einzuflößen[23]. Er wollte gefallen.
Das war nicht leicht. Er war damals von affenähnlicher Häßlichkeit: ein rohes, langes und derbes Gesicht, kurze, tief in die Stirn gewachsene Haare, kleine Augen, die einen aus dunklen Höhlen hart anblitzten, eine breite Nase, aufgeworfene Lippen und riesige Ohren[24]. Da er sich über diese Häßlichkeit, die ihn schon als Kind beinahe zur Verzweiflung gebracht hatte[25], nicht täuschen konnte, gedachte er das Ideal eines „erstklassigen Menschen” zu verwirklichen[26]. Um es wie die anderen „erstklassigen Menschen” zu machen, ließ er sich durch dieses Ideal zum Spiel, zum unsinnigen Schuldenmachen, zur vollkommenen Ausschweifung verführen[27].
Etwas rettete ihn immer wieder: seine unbedingte Aufrichtigkeit.
„Weißt du, warum ich dich lieber habe als all die andern?” sagt Nekludow zu seinem Freund. „Du hast eine erstaunliche und seltene Eigenschaft: die Offenheit.”
„Ja, ich sage immer Dinge, die mir selbst einzugestehen ich mich schäme.”[28]
Wegen seiner schlimmsten Verirrungen verurteilt er sich mit schonungslosem Scharfblick.
„Ich lebe geradezu tierisch,” schreibt er in sein Tagebuch, „ich bin völlig niedergedrückt.”