[210] (S. 148): „Das Ende einer Welt” (1905 bis Januar 1906). — Vgl. das Telegramm, das Tolstoi an ein amerikanisches Blatt richtete: „Die Agitation der Semstwos verfolgt den Zweck, die Macht des Despotismus einzuschränken und eine parlamentarische Regierung einzusetzen. Ob ihnen das gelingt oder nicht, das Ergebnis wird sicher eine Verzögerung der wirklichen sozialen Verbesserung sein. Die politische Agitation hält — indem sie die unheilvolle Illusion dieser Verbesserung durch äußere Mittel gibt — den wahren Fortschritt auf, wie man dies in allen konstitutionellen Staaten feststellen kann: in Frankreich, England, Amerika.” — In einem langen und interessanten Brief an eine Dame, die ihn ersucht hatte, einer Vereinigung zur Hebung der Lese- und Schreibkenntnisse des Volkes beizutreten, bringt Tolstoi noch andere Klagen gegen die Liberalen zum Ausdruck: Sie haben immer die Rolle der Hereingefallenen gespielt. Sie machen sich aus Furcht zu Mitschuldigen der Autokratie; ihre Teilnahme an der Regierung gibt dieser ein moralisches Ansehen und gewöhnt die Liberalen an Kompromisse, die sie rasch zu Werkzeugen der Gewalt machen. Alexander II. sagte, alle Liberalen seien, wenn nicht für Geld, so doch für Ehren käuflich. Alexander III. hat das liberale Werk seines Vaters ohne Gefahr vernichten können: „Die Liberalen tuschelten unter sich, daß ihnen das nicht gefalle, aber sie nahmen weiter teil an den Arbeiten im Staats- und Gerichtsdienst und in der Presse; in der Presse machten sie Anspielungen auf Dinge, auf die Anspielungen erlaubt waren, aber sie schwiegen zu solchen, über die zu sprechen verboten war, und sie traten für alles ein, wofür einzutreten ihnen befohlen wurde.” Unter Nikolaus II. machen sie es gerade so. „Protestieren die Liberalen vielleicht, wenn dieser junge Mann, der nichts weiß und von nichts etwas versteht, mit Frechheit und Mangel an Takt den Volksvertretern antwortet? Keineswegs... Überall sucht man sich auf feige Weise durch Glückwunschsendungen bei dem jungen Zaren einzuschmeicheln.”

[211] (S. 149): „Krieg und Revolution.” — In der „Auferstehung” ist bei dem Revisionsverfahren im Prozeß gegen die Maslowa unter den Senatsmitgliedern ein materialistischer Darwinist der größte Gegner der Revision, weil er im tiefsten Innern empört darüber ist, daß Nekludow aus Pflichtgefühl eine Prostituierte heiraten will: jede Kundgebung des Pflichtgefühls und mehr noch des religiösen Empfindens wirkt auf ihn wie eine persönliche Beleidigung.

[212] (S. 149): Vgl. einige Figuren von Revolutionären: in der „Auferstehung” Nowodworow, der revolutionäre Lügner, dessen große Intelligenz durch seine unerhörte Eitelkeit und Selbstsucht ganz aufgewogen wird. Keinerlei Phantasie; „völliges Fehlen moralischer und ethischer Eigenschaften, die Zweifel aufkommen lassen könnten.” — Dann, ihm stets auf den Fersen, wie sein Schatten, Markel, der infolge von Demütigungen und aus dem Wunsch nach Rache zum Revolutionär gewordene Arbeiter, ein leidenschaftlicher Verehrer der Wissenschaft, die er nicht zu verstehen vermag, ein Asket von fanatischer Kirchenfeindlichkeit. — Auch in dem Buche „Noch drei Tode” finden sich einige Vertreter der neuen revolutionären Generation: Roman und seine Freunde, die die Terroristen alten Schlages verachten und auf wissenschaftliche Weise zu ihrem Ziel zu gelangen trachten, indem sie ein Agrikulturvolk in ein Industrievolk verwandeln möchten.

[213] (S. 150): Brief an den Japaner Izo-Abe, Ende 1904.

[214] (S. 150): Unterhaltungen mit Teneromo.

[215] (S. 150): Unterhaltungen mit Teneromo.

[216] (S. 151): Unterhaltung mit Paul Boyer („Le Temps” vom 4. November 1902).

[217] (S. 151): „Das Ende einer Welt.”

[218] (S. 152): „Die grausamste aller Sklavereien ist, der Erde beraubt zu sein; denn der Sklave eines Herrn ist der Sklave eines Einzelnen; aber der Mensch, der seines Rechts auf die Erde beraubt ist, ist der Sklave Aller.” („Das große Verbrechen.”)

[219] (S. 152): Rußland war tatsächlich in einer besonderen Lage; und wenn es auch verkehrt von Tolstoi gewesen ist, daraus Schlüsse auf sämtliche europäischen Staaten zu ziehen, so darf man sich doch nicht wundern, daß ihn die Leiden, die er in seiner Umgebung sah, besonders empfindlich berührten. — Man lese im „großen Verbrechen” die Unterhaltungen, die er auf der Landstraße nach Tula mit den Bauern führt, denen allen das Brot fehlt, weil es ihnen an Erde mangelt, und die alle im tiefsten Innern darauf warten, daß ihnen die Erde zurückgegeben werde. Die Landbevölkerung macht in Rußland 80 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Über hundert Millionen Menschen, sagt Tolstoi, sterben vor Hunger, weil die Grundeigentümer den Boden einziehen. Wenn man ihnen, als Mittel zur Heilung ihres Übels, von der Preßfreiheit, von der Trennung von Staat und Kirche, von der Volksvertretung und selbst vom Achtstundentag spricht, macht man sich in der frechsten Weise über sie lustig: „Das Verhalten derer, die so tun, als ob sie überall nach Mitteln suchen, um die Lage der Volksmassen zu verbessern, ist gerade so, wie wenn im Theater alle Zuschauer den Schauspieler, der sich versteckt hält, deutlich sehen, während seine Mitspieler, die ihn auch sehr wohl sehen, so tun, als ob sie ihn nicht sähen, und sich die größte Mühen geben, ihre Aufmerksamkeit gegenseitig von ihm abzulenken.” — Es gibt kein anderes Mittel, als die Erde dem Volke, das arbeitet, zurückzugeben. Und zur Lösung dieser Grundfrage beruft sich Tolstoi auf die Lehre Henry Georges und seinen Plan, nur eine einzige Steuer, eine Steuer auf den Grundwert, zu erheben. Dies ist sein ökonomisches Evangelium, auf das er unentwegt zurückgreift und das er sich so zu eigen macht, daß er häufig in seinen eigenen Werken ganze Sätze von Henry George gebraucht.