„Das Schönste ist jetzt, daß es ein Morgen gibt.“
Morgen . . . spätere Geschlechter werden sich kaum mehr vorstellen können, was in diesem Worte an stummer Verzweiflung lag, welch abgründiger Überdruß, als der Krieg sich zum vierten Male jährte . . . So müde war man . . . Wie oft war die Hoffnung schon getäuscht worden! Hunderte von „Morgen“ waren einander gefolgt und wurden ein immer gleiches „Heute“ und „Gestern“, alle dem Nichts und dem Warten verfallen, dem Warten aufs Nichts. Es stockte der Lauf der Zeit. Das lange Jahr war wie ein stygisches Gewässer, das schwarz und fettig das Leben einschnürte, indem es mit düstern Schillerflecken nicht mehr zu fließen schien. Morgen? Morgen war tot. Aber in den Herzen der zwei Kinder war das Morgen auferstanden.
Dieses Morgen sah sie wieder beim Sperlingsbrunnen sitzen, und Morgen folgte auf Morgen. Das schöne Wetter war diesen ganz kurzen Begegnungen hold; jeden Tag waren sie etwas weniger kurz. Jedes brachte sein Vesperbrot mit, weil das Tauschen so eine Freude war. Peter wartete jetzt schon am Tor des Museums. Er begehrte ihre Arbeiten zu sehen. Sie war zwar nichts weniger als stolz darauf, zeigte sie aber ohne viel Umstände vor. Es waren verkleinerte Kopien nach berühmten Gemälden oder nach Teilen solcher Gemälde, eine Gruppe, ein Kopf, ein Brustbild. Auf den ersten Blick gar nicht so übel, aber unglaublich schlampig in der Ausführung. Hie und da ein paar recht gelungene, hübsche Ansätze; aber dicht daneben schülerhaft Mißlungenes, das nicht nur Unkenntnis der Grundbegriffe aller Kunstübung verriet, sondern auch eine Sorglosigkeit, die über fremdes Urteil hoch erhaben schien. — „Ach was! Ist lange gut genug! . . .“ — Lutz nannte die Originalgemälde, deren Kopien ihre Blätter vorstellen sollten. Peter kannte diese Gemälde nur allzu genau. Sein Gesicht war krampfhaft verzogen im Schmerz der Enttäuschung. Lutz fühlte, daß er nicht zufrieden war; aber unerschrocken zeigte sie ihm alles — und sogar das da — Krach! — das Allermiserabelste. Dabei stand ein spöttisches Lächeln auf ihrem Gesicht, das ebenso ihr selbst wie Peter galt; bei alledem zwang sie das leiseste Nagen des Ärgers nieder. Peter biß sich auf die Lippen, um keine Bemerkung zu machen. Aber zuletzt wurde es ihm doch zu arg. Sie zeigte ihm gerade einen florentinischen Raffael.
„Aber die Farben stimmen ja nicht!“ sagte er.
„Wär’ das größte Wunder,“ sagte sie.
„Ich bin nicht hingelaufen, mir’s anzuschauen. Ich hab’s nach einer Photographie gemacht.“
„Aber was sagen denn die Leute dazu?“
„Wer? Die Kundschaft? Die laufen doch auch nicht ins Museum, sich das Original anschaun! . . . Und wenn, so nehmen sie’s nicht so genau! Rot oder Grün oder Blau — wenn nur Farben da sind. Manchmal arbeite ich wirklich nach farbiger Vorlage, aber dann nehme ich auch andere Farben . . . Schaun Sie zum Beispiel das da . . .“ (Ein Engel von Murillo.)