„Mittwoch,“ antwortete sie, „kommen Sie gegen zwei Uhr . . .“ Im letzten Augenblick vor der Abfahrt fand sie ihr schalkhaftes Lächeln wieder; sie sagte ihm ins Ohr:

„Aber bringen Sie doch Ihre Photographie mit. Ich kann ja zu wenig, um ohne Photographie zu malen . . . O ja! O ja! Ich weiß, Sie haben schon welche, Sie kleiner Erzschwindler Sie!“

Äußerste Vorstadt, noch hinter der Malakoffstraße. Halbausgebaute Straßen stehen zahnlückig da und werden von wüsten, noch unverbauten Flächen unterbrochen, die schon in eine Art ländliche Gegend von zweifelhaften Reizen sich verlieren, wo zwischen Plankenzäunen Hütten von Lumpensammlern lieblich verstreut sind. Trübgraue Wolkenschläuche liegen lang auf der farbenarmen Erde, aus deren magern Rippen Nebel dampft. Die Luft ist schneidend kalt. Man kann das Haus nicht verfehlen: nur drei stehen auf dieser Straßenseite, es ist das letzte und hat kein Gegenüber. Es ist einstöckig und hat einen von Staketen umzäunten Hof mit zwei, drei armseligen Sträuchern und einem Gemüsebeet, das jetzt unterm Schnee liegt.

Peter ist geräuschlos eingetreten; der Schnee dämpft den Schall seiner Schritte. Aber die Vorhänge im Erdgeschoß bewegen sich; und wie er zur Türe kommt, öffnet sie sich und Lutz steht auf der Schwelle. Die Stimme versagt ihnen, wie sie sich im halbdunklen Hausflur begrüßen. Sie führt ihn in das erste Zimmer, das als Wohnraum dient. Dort arbeitet sie auch, ihre Staffelei steht beim Fenster. Erst wissen sie nicht, was sie reden sollen; sie haben den Genuß dieses Zusammenseins schon zu sehr in Gedanken vorweggenommen; all die schönen Worte, die sie sich zurechtgelegthatten, bleiben ihnen in der Kehle stecken; sie getrauen sich nur halblaut zu sprechen, trotzdem sie allein im Hause sind, oder vielmehr gerade darum. Steif bleiben sie in ziemlichem Abstande voneinander sitzen. Sie wagen nicht, die Arme zu bewegen, nicht einmal den Mantelkragen hatte er heruntergeklappt. Sie reden vom kalten Wetter und vom Fahrplan der Straßenbahn. Dabei sind sie todunglücklich, daß ihnen nichts Gescheiteres einfallen will.

Endlich rafft Lutz sich zur Frage auf, ob er die Photographien mitgebracht habe; kaum nimmt er sie aus der Tasche, ist das Eis gebrochen. Die Bilder sind die erwünschten Mittler, über die hinweg man erst frei plaudern kann; man ist doch nicht mehr unter vier Augen, es sind noch andere Augen auf einen gerichtet, aber die stören nicht. Peter hatte den glänzenden Einfall gehabt (es war ganz ohne Hintergedanken geschehen), alle seine Bilder, vom dritten Lebensjahre an, mitzubringen. Eines dieser Bilder zeigt ihn noch im Kleidchen. Lutz lacht hellauf vor Freude; sie hat für das Bild zierlich lustige Kosenamen und Schmeichelworte. Gibt es denn etwas Süßeres für eine Frau, als ein Klein-Kinderbild des Geliebten zu betrachten? In Gedanken wiegt sie ihn auf den Armen, reicht ihm die Brust — fast ist ihr, als hätte sie ihn unter dem Herzen getragen. Dabei spürt sie ganz genau, wie schön sich dem kleinen Knirps alles sagen läßt, was man dem Erwachsenen nicht sagen kann. — Als er sie fragt, welche Photographie ihr am besten gefällt, sagt sie ohne Bedenken: „Das liebe Kerlchen da . . .“

Wie ernst er schon dreinschaut! Ernster beinahe als heute. Wirklich, wenn Lutz sich getraut hätte (und richtig, eben traut sie sich), Peter recht anzusehn, um seine heutige Erscheinung mit den alten Bildern zu vergleichen, so würde sie jetzt in seinen Augen einen Ausdruck harmloser, kindlicher Freude entdecken, die dem Kleinen noch fehlt; die Augen dieses kleinen Bürgerkindchens, das hübsch unter der Glasglocke gehalten wurde, sind wie Vöglein in verdunkeltem Käfig; jetzt ist eben das Licht gekommen, nicht wahr, Lucia, Lichtlein? . . . Jetzt möchte er aber Photographien von Lutz sehen. Da beschaut er nun ein sechsjähriges Mädelchen mit dickem Zopf, das einen kleinen Hund fest in den Armen hält; wie Lutz dieses Bild wieder erblickt, meint sie bei sich mit einer Anwandlung von Bosheit, ihre damalige Liebe zu dem Tierchen wäre nicht geringer und kaum andern Wesens gewesen als die jetzige; ihr ganzes Herz gab sie ihrem Peter, wie sie es dem Hündchen gegeben hatte; vielmehr hatte auch schon die erste Liebe Peter gegolten und der Hund war sein Platzhalter gewesen. Lutz zeigt auch ein kleines Fräulein von dreizehn oder vierzehn Jahren, das kokett und etwas geziert den Hals verdreht; zum Glück wich aus den Mundwinkeln nie ein kleines, schelmisches Lächeln, das zu sagen schien:

„Wißt ihr? Ich spaße nur; ich nehme mich nicht ganz ernst . . .“

Jetzt hatten beide ihre Befangenheit ganz und gar überwunden.