Sie begann das Porträt mit dem Stifte zu entwerfen. Da er sich nicht rühren und auch beim Sprechen kaum die Lippen bewegen sollte, redete fast nur sie allein. Aber wie es aufrichtigen Menschen geht, wenn sie ein wenig zu lange sprechen müssen, kam sie im Handumdrehen auf die Geheimnisse ihrer engeren und weiteren Familie zu reden, die sie durchaus nicht hatte enthüllen wollen. Sie war selber erstaunt, wie sie sich dabei zuhörte; aber da gab es kein Halten mehr: gerade Peters Schweigen wirkte wie ein Abhang, der den Strom ihrer Worte unablässig fließen ließ . . .
Sie erzählte von ihrer Kinderzeit in der Provinz. Sie stammte aus der Touraine. Die Mutter war aus gutem, wohlhabendem Bürgerhause und hatte sich in einen Lehrer bäuerlicher Abstammung verliebt. Ihre Familie wollte von einer solchen Heirat nichts wissen; aber die zwei Liebesleute bestanden auf ihrem Willen, das junge Mädchen wartete ihre Volljährigkeit ab und vermählte sich dann ohne die Zustimmung ihrer Eltern. Seitdem wollten ihre Leute von ihr nichts mehr wissen. Dem jungen Paare waren bei sehr beschränkten Mitteln ein paar Jahre innigen Zusammenlebens beschieden. Aber der Mann hielt die Überbürdung auf die Dauer nicht aus. Er erkrankte. Die Frau nahm nun tapfer auch seine Last auf sich; sie arbeitete für zwei. Der beleidigte Standesdünkel ihrer Eltern ließ sie in feindlicher Kälte verharren, sie wollten nichts für die Tochter tun. Der Kranke war ein paar Monate vor Kriegsausbruch gestorben. Die beiden Frauen hatten keinen Versuch mehr gemacht, Beziehungen zur Familie der Mutter anzuknüpfen. Diese hätte gewiß das junge Mädchen zu Gnaden aufgenommen, wenn es den ersten Schritt getan hätte — das wäre dann als ein mea culpa der Mutter aufgefaßt worden. Aber da konnten die lange warten! Eher Kieselsteine essen!
Peter staunte über die Hartherzigkeit dieser bürgerlichen Verwandten. Lutz sah darin nichts Unerhörtes.
„Solche Leute sind doch gar nicht so selten, glauben Sie nicht? Im Grunde sind sie nicht böse. Davon bin ich bei meinen Großeltern fest überzeugt; sie hätten uns also gewiß so gerne zugerufen: ‚Kommt wieder zu uns!‘ Aber für ihren Dünkel war der Stoß gar zu hart, und was ist denn allein groß bei solchen Leuten? Eben nur ihr Dünkel! Hat man ihnen Unrecht getan, so sehen sie nicht nur dies so oder so beschaffene Unrecht, sondern es wird einfach ‚das Unrecht‘ schlechthin: die andern sind eben im Unrecht, sie aber wohnen im Recht. Und dabei brauchen sie gar nicht bösartig zu sein (sie sind’s auch wirklich nicht) — aber sie ließen einen vor ihren Augen eher bei langsamem Feuer verbrennen, statt zuzugeben, daß sie vielleicht nicht im Rechte waren. Nein, ihre Verwandten waren die einzigen nicht! Da hatte man noch ganz andere Fälle erlebt! . . . Habe ich nicht recht,“ sagte sie, „sind sie nicht so?“
Peter dachte nach. Es ging ihm völlig ein. Er mußte sich sagen:
„Aber ja. Sie sind so . . .“
Das kleine Mädchen hatte ihm mit einem Male die Augen geöffnet für die ganze Engherzigkeit, die armselige Dürre der Bürgerkaste, der er angehörte. Ausgetrocknetes, ausgesogenes Erdreich, das nach und nach alle seine Lebenssäfte aufgebraucht hat und sie nicht mehr zu erneuern vermag, wie jene Gegenden Innerasiens, wo befruchtende Ströme tropfenweis im gleißenden Sande versickert sind. Sogar die Menschen, die sie zu lieben meinen, lieben diese Bürger nur wie einen toten Besitz; ihrem Selbstsinn opfern sie jene auf, ihrem versteiften Hochmut, ihren kleinlichen, verrannten Ideen. Peter sah nun in diesem Lichte mit tiefer Trauer seine eigenen Eltern und sein eigenes Dasein. Er schwieg. Die Fensterscheiben erbebten von fernem Geschützfeuer. Peter dachte an die Menschen, die dort sterben mußten, und sagte bitter:
„Und das ist auch ihr Werk.“
Dies heisere Kanonengebelfer, der Krieg, der allgemeine Zusammenbruch — ging nicht dies alles großenteils auf Rechnung eben jener Herzenskälte und Unmenschlichkeit, jenes bornierten Dünkels der Bürgerkaste? Aber jetzt (es gab noch eine Gerechtigkeit!) wollte das entfesselte Ungeheuer nicht innehalten, ehe es eben jenes Bürgertum verschlungen hatte.
Lutz sagte: