„Es ist gerecht.“

Sie ahnte gar nicht, wie ihr Denken so ganz gleichen Schritt hielt mit Peters Gedanken. Der schrak förmlich zusammen vor diesem Widerhall.

„Ja, es ist gerecht,“ sagte er, „gerecht ist alles, was da geschieht. Die Welt war zu alt, sie mußte und wollte sterben.“

Lutz senkte den Kopf und stimmte ein:

„Ja.“

Wie sich doch diese ernsten Kinderstirnen einem unausweichlichen Geschicke beugten und in scharfen Falten die Spur verzweifelnden Grübelns trugen! . . .

Es wurde dämmrig im Zimmer, das auch ziemlich ausgekühlt war. Lutzens Hände waren eiskalt, wie sie ihre Arbeit abbrach. Peter durfte das Bild nicht ansehn. Sie traten nun ans Fenster und schauten in den Abend hinaus, über trübselige Felder auf bewaldete Höhenzüge. Über diesem veilchenblauen Bogenzug von Wäldern lag der blaßgrüne, goldbestäubte Himmel. Ein Hauch aus der Seele des Puvis de Chavannes war über diesem Bilde. Lutz verriet durch ein schlichtes Wort, wie sehr sie diesen zarten Frieden empfand. Als ihn das fast ein wenig wunderte, war sie gar nicht gekränkt sondern meinte, man könne ganz wohl etwas fühlen, das man nicht in Kunstwerken auszudrücken vermöge. Es war auch nicht bloß ihre Schuld, wenn sie gar so stümperhaft malte. In übel angebrachter Sparsamkeit hatte sie ihren Kurs in der Kunstgewerbeschule nicht bis zu Ende besucht. Übrigens war sie nur in der Not aufs Malen verfallen. Wozu überhaupt malen, wenn es einen nicht dazu trieb? Peter mußte doch auch bemerkt haben, wie die meisten nicht aus innerem Drange sich künstlerisch betätigten, sondern aus Eitelkeit, aus Langerweile — oder auch weil sie sich zuerst den wahren inneren Beruf zugetraut hatten und später ihren Irrtum nicht eingestehn wollten. Man sollte doch nur dann Künstler sein, meinte sie, wenn man sein Erleben durchaus nicht für sich behalten konnte, wenn man an seinem inneren Reichtum sonst förmlich erstickte. Aber sie selbst, sie hätte gerade genug für sich selbst. Sie verbesserte sich gleich:

„Und für noch jemand.“

(Er hatte nämlich den Mund zum Schmollen verzogen.)

Der schöne Goldton des Himmels erlosch, wurde bräunlich. Die leere Ebene lag jetzt tieftraurig da. Peter fragte Lutz, ob ihr diese Öde nicht gar zu unheimlich sei.