„Seit vier Jahren kennt man sich gar nicht mehr aus. Alle Menschen sind ganz anders.“

„Meinen Sie, Ihre Mutter ist anders geworden oder Sie selbst?“

„Alle Menschen,“ wiederholte Lutz.

„Worin?“

„Man kann es nicht ausdrücken. Man hat nur das Gefühl, daß überall die Beziehungen zwischen einander nahestehenden Menschen, auch innerhalb der Familien, irgendwie anders geworden sind. Man kann auf nichts mehr bauen, jeden Morgen muß man sich jetzt fragen: ‚was wird es abends geben, werde ich den auch nur wiedererkennen?‘ Man ist wie auf einer Planke im Wasser; die will fortwährend umkippen.“

„Was ist denn geschehen?“

„Ich weiß nicht,“ sagte Lutz, „ich kann es Ihnen nicht erklären. Ich weiß nur, seit dem Krieg ist es so. Es liegt etwas in der Luft. Alle Welt ist ganz aus dem Häuschen. Wo man sich in den Familien umschaut, sieht man Menschen ihre eigenen Wege gehen, die früher unzertrennlich waren. Alle sind wie berauscht; wie Jagdhunde wittern sie irgend etwas und laufen der Fährte nach.“

„Wohin denn?“

„Ich weiß nicht. Aber die Leute selber, mein’ ich, auch nicht. Wohin der Zufall und ihre Begierde sie treiben. Frauen legen sich Liebhaber zu. Männer vergessen ihre Frauen. Und das kommt bei den bravsten Leuten vor, die bis dahin so ruhig und ordentlich schienen. Überall hört man von zerrütteten Ehen. Aber zwischen Kindern und Eltern ist es gerade so. Meine Mutter . . .“

Sie hielt inne, dann fuhr sie fort: