Seit etwa vierzehn Tagen wußten sie nicht mehr, was in der Welt vorging. Mochte man doch in Paris durch dick und dünn Leute einkerkern und verurteilen, mochte doch Deutschland eben unterzeichnete Verträge durchführen oder wieder umstoßen, mochten doch die Regierungen weiter lügen, die Presse weiter schmähen und die Heere weiter sich töten. Die beiden lasen keine Zeitungen. Sie wußten wohl, irgendwo oder überall ringsumher gab es Krieg, wie etwa auch Typhus und Influenza herrscht; aber das machte ihnen weiter keinen Eindruck; sie wollten nicht daran denken.
Aber gerade diese Nacht rief sich der Krieg ihnen selber ins Gedächtnis zurück. Sie waren beide schon zur Ruhe gegangen (die Tage vergingen ihnen in einer solchen Anspannung des Gefühls, daß sie abends todmüde waren). Jedes hörte in seinem Stadtviertel das Alarmsignal, beide wollten aber nicht aufstehen. Jedes vergrub den Kopf in die Polster, unter die Decke, wie Kinder während des Gewitters — aber gar nicht aus Furcht (sie waren überzeugt, es könne ihnen nichts zustoßen), — sondern um zu träumen. Lutz vernahm, wie es in der schwarzen Nachtluft dröhnte und dachte: „Wie wäre es gut, das Unwetter in seinen Armen vorüberbrausen zu hören!“
Peter hielt sich die Ohren zu. Nichts sollte ihn in seinen Gedanken stören! Hartnäckig versuchte er auf der Klaviatur der Erinnerung Ton für Ton das Lied dieses Tages zu wiederholen, die melodische Folge der einzelnen Stunden von der Minute an, da er Lutzens Haus betreten hatte, die feinsten Biegungen ihrer Stimme, jede kleine Bewegung, die ununterbrochene Reihe von Eindrücken, die sein hastiger Blick geschlürft hatte, — einen Wimperschatten auf der Wange oder deren Beben im Anhauch eines Gefühls, das dem Windgekräusel am Wasser glich, der Lichtstrahl eines Lächelns, der über ihre Lippen glitt, oder die weiche Nacktheit der zwei ausgestreckten Hände, zwischen denen sein Handballen gelegen hatte, — all diese köstlichen Splitter suchte er mit magischer Liebesglut zu einem Bilde zu verschmelzen. Er duldete nicht, daß äußerer Lärm in sein Heiligtum drang. Dies Draußen war wie ein lästiger Besucher . . . Krieg? Weiß schon, weiß schon. Der Krieg pocht an die Tür? Soll warten! . . . und der Krieg wartete wirklich geduldig vor der Schwelle. Er wußte, seine Stunde würde auch noch kommen. Das wußte Peter auch und darum schämte er sich seiner egoistischen Abkehr durchaus nicht. Die Welle des Todes würde ihn schon auch ergreifen. Zu Vorschüssen war er nicht verpflichtet. Am Verfallstage mochte der Tod seine Rechnung präsentieren! Bis dahin aber sollte er ihn in Ruhe lassen, sich hübsch still verhalten! Ach, bis dahin wollte er wenigstens von dieser wundervollen Zeit nichts verlieren; jede Sekunde war ein Goldkorn und er glich dem Geizigen, der seine Schätze betastet und streichelt: Das ist mein, ist ganz mein eigen! Rührt nicht an meinen Frieden, an meine Liebe! Die sind mein bis zur Stunde, wo . . . Aber wann wird diese Stunde kommen? — Am Ende kommt sie nie! Ein Wunder? . . . Warum nicht? . . .
Inzwischen floß der Strom der Stunden und Tage weiter dahin. Bei jeder Biegung kam das Grollen der Katarakte näher. Peter und Lutz lagen im Kahne hingestreckt und hörten es wohl. Aber sie hatten keine Angst mehr. Selbst diese gewaltige Stimme wiegte sie wie begleitender Orgelton noch tiefer in ihren Liebestraum. Wenn man endlich beim Abgrund war, würde man nur die Augen schließen, sich fester aneinander drängen und alles würde mit einem Male zu Ende sein. Der Abgrund ersparte ihnen die Pein, an das spätere Leben zu denken, an das Leben, das sonst noch hätte kommen können, an die aussichtslose Zukunft. Lutz hatte ein Vorgefühl von den Widerständen, auf die Peter, wenn er sie heiraten wollte, hätte stoßen müssen; Peter selbst empfand dies minder klar (er war der Klarheit minder zugetan), bebte aber auch davor zurück. Was brauchte man jetzt so weit vorauszusehn? Das Leben hinter dem Abgrunde erschien wie das „Leben im Jenseits“, von dem die Kirche erzählt. Es heißt, daß man sich dort wiederfinden wird; aber ganz sicher weiß man es nicht. Sicher ist nur eines: die Gegenwart, unsere Gegenwart. Da hinein laßt uns, ohne ängstliches Zögern und Zählen, unser ganzes Teil Ewigkeit ergießen!
Lutz kümmerte sich um die Tagesereignisse noch weniger als Peter. Der Krieg interessierte sie gar nicht. Er kam einfach als eine Plage mehr zu den vielen anderen hinzu, aus denen nun einmal das äußere Leben gewoben war. Nur wer vor der nackten Wirklichkeit des Lebens geborgen ist, macht viel Aufhebens vom Kriege. Aber das kleine Mädchen mit ihrer frühreifen Lebenserfahrung — wie gut kannte sie den Kampf ums tägliche Brot — panem quotidianum . . . (Gott gab es nicht umsonst!) — zeigte ihrem Freunde, dem verwöhnten Bürgersöhnchen, wie der Friedenszustand für die Armen, besonders für deren Frauen, nur ein Trugbild ist, der gleißende Deckmantel für einen mörderischen, tückischen, unablässigen Krieg. Sie verschonte ihn mit Einzelheiten, um ihn nicht zu betrüben: sie fühlte sich ihm mütterlich überlegen, als sie sah, wie sehr ihn ihre Berichte erschütterten. Wie die meisten Frauen empfand sie gegenüber gewissen häßlichen Seiten des Lebens keineswegs den körperlichen und seelischen Abscheu, von dem sich da der junge Bursch gepackt fühlte. Gewaltsame Weltverbesserung lag ihr ganz fern. Wenn es ihr einmal noch schlechter gegangen wäre, wäre sie imstande gewesen, ohne Ekel ekelhafte Beschäftigung zu übernehmen und deren Spur so leicht und anmutig von sich abzutun, daß sie dann wieder blitzblank, in aller Seelenruhe, hätte ihrer Wege gehen können. Jetzt freilich vermochte sie es nicht mehr; seit sie Peter kannte, hatte ihre Liebe ihr alle Neigungen und Abneigungen ihres Freundes mitgeteilt; aber dergleichen kam nicht aus dem Grunde ihres Wesens. Sie gehörte einem ausgeglichenen, heiteren Menschenschlage an, dem aller Pessimismus fern lag. Melancholie und großartige Weltverneinung war nicht ihre Sache. Das Leben ist, wie es ist. Man nimmt es, wie es ist. Hätte schlimmer ausfallen können! Soweit Lutz nur zurückdenken konnte, war ihr äußeres Dasein immer recht schwierig gewesen; immer war man da auf der Suche nach rettenden Auswegen, besonders seitdem Krieg war; die Wechselfälle eines solchen Daseins hatten Lutz gelehrt, sich nicht um den nächsten Tag zu sorgen. Dazu kam noch, daß dieser innerlich freien kleinen Französin jeder Gedanke ans Jenseits fremd war. Dieses Leben genügte ihr. Lutz fand es hübsch genug, aber es hängt doch nur an einem Härchen, es gehört so wenig dazu, damit dies Härchen reißt, daß es wirklich nicht lohnte, sich um Dinge zu quälen, die morgen geschehen könnten. Trinkt, ihr Augen, im Vorübereilen vom Licht, in dem ihr badet! Und was das Nachher anlangt, so laß dich, Herz, vertrauend in der Strömung treiben! . . . Und jetzt hat man sich gar noch so lieb — ist das nicht köstlich? Lutz wußte wohl, es würde nicht lange währen. Aber ihr Leben würde ja auch nicht lange währen . . .
Ihrem Wesen nach war sie ganz anders als der kleine Junge, der sie liebte und den sie liebte; der war gefühlvoll, leidenschaftlich, nervös, erregbar, glücklich und unglücklich zugleich, überschwänglich in Lust und Leid, gleich stürmisch in Hingabe oder Trotz; gerade wegen dieses Gegensatzes zu ihrer Art war er ihr so lieb. Aber ganz einig waren beide im unausgesprochenen Vorsatz, keinen Blick in die Zukunft zu werfen: sie war ein sorglos hinplätscherndes Bächlein, das in sein Los ergeben ist — er aber stürzte sich in überspannter Verneinung der Umwelt in den Abgrund der Gegenwart und nichts sollte ihn daraus vertreiben.
Der große Bruder war wieder daheim. Er hatte ein paar Tage Urlaub. Gleich am ersten Abend merkte er, daß sich die Atmosphäre des Vaterhauses irgendwie verändert hatte. Worin denn? Das wußte er selber nicht zu sagen: aber etwas ging ihm gegen den Strich. Die Seele hat Fühlfäden, die fernhin Dinge aufspüren, die das Bewußtsein noch gar nicht abgetastet hat. Die feinsten Fühlfäden aber streckt verletztes Selbstgefühl aus. Bei Philipp schwangen also diese Fäden aufgeregt hin und her, suchten verwundert ein Etwas, das ihnen fehlte . . . Dabei hatte er doch den Kreis seiner Lieben, der ihm den gewohnten Weihrauch zollte — das aufmerksame Publikum, dem er kärglich Frontschilderungen zuzumessen geruhte — die Eltern hingen in gewohnter Bewunderung an seinen Lippen, — der kleine Bruder. . . Oha! Halt! Ja, der, gerade der war nicht da, wenn man ihn brauchte! Anwesend war er wohl, aber er drängte sich gar nicht mehr an den großen Bruder heran, er bettelte nicht, wie sonst, um vertrauliche Eröffnungen, deren Verweigerung dem Großen so viel Spaß gemacht hatte. Zu welchen Armseligkeiten verleitet gekränkte Eitelkeit! Sonst setzte Philipp zu all den glühenden Zweifelfragen des jüngeren Bruders eine müde, spöttische Gönnermiene auf — jetzt fühlte er sich verletzt, weil Peter keine solchen Fragen mehr stellte. Und so suchte er selbst diese Dinge aufs Tapet zu bringen. Er wurde viel mitteilsamer und sah beim Sprechen immer Peter an, um ihn merken zu lassen, daß seine Reden ihm galten. Zu andern Zeiten wäre Peter außer sich gewesen vor Freude darüber und hätte sich nicht lange bitten lassen, auf die Absicht des Bruders einzugehen. Aber jetzt rührte er sich nicht und sah in aller Seelenruhe zu, wie Philipp die ausgestreckten Fühler wieder hübsch einziehen mußte. Der war jetzt beleidigt und machte ironische Bemerkungen. Peter aber ließ sich nicht aus der Fassung bringen und antwortete schlagfertig in gleichem Tone. Philipp wollte nun eine gründliche Aussprache herbeiführen, hielt in übertriebener Lebhaftigkeit förmliche Reden — aber nach ein paar Minuten merkte er, daß er für sich allein redete. Peter sah ihm zu und schien zu denken:
„Nur zu, lieber Freund, wenn’s dir Spaß macht! Nur weiter, ich höre schon zu . . .“