Welch unverschämtes leichtes Lächeln! . . . Die Rollen waren vertauscht. Beschämt wurde Philipp still und beobachtete nun etwas aufmerksamer den jungen Bruder, der sich jetzt nicht weiter mit ihm abgab. Wie der sich verändert hatte! Die Eltern hatten nichts bemerkt, weil sie ihn jeden Tag sahen; aber der durchdringende und jetzt noch von Eifersucht geschärfte Blick Philipps fand nach einer Abwesenheit von ein paar Monaten Peters gewohnten Gesichtsausdruck nicht wieder. Peter schien in glückseliger Dumpfheit sorglos dahinzuleben; gleichgültig gegen die Menschen, ohne einen Blick für die Umwelt, webte und schwebte er offenbar wie ein junges Mädchen in weicher, warmer Traumluft. Philipp sah ein, daß er selbst dem Bruder gar nichts mehr bedeutete.

Da er nicht nur andere gut zu beobachten verstand, sondern auch das eigene Erleben immer tapfer unter die Lupe nahm, wurde ihm die Ursache seiner Verstimmung bald klar und heilsame Selbstverspottung befreite ihn davon. Wie nur erst einmal die dumme Empfindelei abgetan war, beschäftigte er sich um der Sache selbst willen mit Peter und suchte den geheimen Grund seiner Verwandlung zu entdecken. Gerne hätte er ihn zu vertraulichen Eröffnungen gebracht. Aber darin fehlte es ihm an Übung und außerdem schien der kleine Bruder keinerlei Bedürfnis nach Herzensergießung zu verspüren; mit spöttisch lässigem Gleichmut betrachtete er sehr von oben herab Philipps linkische Bemühungen, eine Brücke zu ihm zu schlagen. Lächelnd, die Hände in den Taschen, pfiff er ein Liedchen vor sich hin und gab beiläufige Antworten, ohne recht auf die Fragen zu horchen — und auf einmal hatte er sich schon wieder in sein Märchenschloß zurückgezogen. Schön guten Abend! Weg war er. Nur sein Spiegelbild lag noch am fließenden Wasser und rann einem durch die Finger. — Wie ein verschmähter Liebhaber fühlte Philipp erst jetzt den ganzen Wert des Herzens, das er verloren hatte, und die eigentümliche Anziehungskraft, die von dem Geheimnis ausging, das sich darin barg. Der Zufall spielte ihm des Rätsels Lösung in die Hände. Als er eines Abends über den Boulevard Montparnaß heimging, begegnete er im Dämmerlicht Peter und Lutz. Er fürchtete, sie könnten ihn gesehn haben. Aber sie kümmerten sich gar nicht um die Außenwelt. Sie waren eng aneinandergeschmiegt; Peter stützte seinen Arm auf Lutzens Arm, hielt ihre Hand, und seine Finger schlangen sich zwischen ihre Finger; so gingen sie mit kurzen Schritten dahin, in heißer, unersättlicher Zärtlichkeit wie Eros und Psyche in der Farnesina. Ihre Blicke waren tief ineinander versenkt. Philipp lehnte sich an einen Baum und sah zu, wie sie vorübergingen, stehen blieben, weiter gingen und im Dunkel verschwanden. Philipps Herz war voll Mitleid mit den zwei Kindern; er dachte:

„Mein Leben ist hingeopfert. Meinetwegen! Aber daß die zwei auch daran glauben sollen, ist das ärgste Unrecht. Wenn ich wenigstens ihr Glück erkaufen könnte!“

Trotz seines höflich-zerstreuten Wesens merkte Peter doch am nächsten Tage, wie herzlich die Stimme des Bruders klang, wenn er mit ihm sprach; allerdings empfand er auch das nicht sofort, sondern es fiel ihm erst nachher auf, wenn er daran zurückdachte. Da erwachte er doch so halbwegs aus seinem Traumzustand und sah wieder einmal den guten Blick des Älteren, den er an ihm gar nicht mehr kannte. Philipp schaute ihn mit so klaren Augen an, daß Peter den Eindruck hatte, dieser Blick wolle in sein Geheimnis eindringen; hastig barg er es hinter herabgelassenen Vorhängen. Aber Philipp lächelte nur, stand auf, legte ihm die Hand auf die Schulter und schlug einen Spaziergang vor. Peter ging darauf ein; er hatte ja wieder Vertrauen; sie gingen mitsammen in den nahen Luxemburgpark. Der große Bruder ließ seine Hand immer noch auf der Schulter des Jüngeren ruhn und der war stolz darauf, daß es wieder gut stand zwischen ihnen. Jetzt war ihm die Zunge gelöst. Sie sprachen lebhaft von geistigen Dingen, von Büchern und Beobachtungen an Menschen, von neuen Erfahrungen — nur gerade von der einen Sache nicht, an die sie beide immerfort denken mußten. Es tat ihnen wohl, so vertraulich miteinander zu reden, ohne doch an das Geheimnis zu rühren, das zwischen ihnen stand.

Mitten unter dem Plaudern fragte sich Peter:

„Weiß er’s? . . . Aber woher sollte er es denn erfahren haben? . . .“

Philipp beobachtete ihn lächelnd, wie er schwatzte. Peter hielt endlich mitten im Satze inne . . .

„Was hast du denn? . . .“

„Nichts. Ich schaue dich nur an. Ich bin so froh.“

Sie tauschten einen Händedruck. Auf dem Rückwege fragte Philipp: