Der März war wieder da und längere Tage und erster Vogelsang. Aber mit der Kraft des Sonnenlichtes wuchsen auch die düsteren Flammen des Krieges. Mit fieberhafter Spannung sah man dem Frühjahr entgegen und der Katastrophe, die in der Luft lag. Das riesige Tosen schwoll lauter an, der Waffenlärm von Millionen Feinden, die sich seit Monaten vor der Dammlinie der eigenen Stellung gestaut hatten und nun als Sturmflut über die Landschaft von Paris und sein von soviel Wettern geprüftes Wappenschiff hinbrausen wollten. Wie riesige Schatten eilten der Verheerung Schreckensnachrichten voraus: phantastische Gerüchte über Giftgase, über tödliche Kräfte, die sich durch die Luft verbreiten und ganze Provinzen packen und vernichten sollten, wie seinerzeit die erstickende Rauchwolke des (Vulkans) Mont Pelee. Schließlich ließen auch immer häufigere Besuche deutscher Flieger die Nerven der Stadt Paris ja nicht zur Ruhe kommen.
Peter und Lutz wollten von all dem noch immer nichts wissen; aber Keime des schwelenden Fiebers, die sie unbewußt mit der schweren Gewitterluft eingeatmet hatten, entfachten heißeres Verlangen in ihren jungen Körpern. Die drei Kriegsjahre hatten durch ganz Europa alle ethischen Anschauungen in einem Maße zerrüttet, daß die anständigsten Menschen in Mitleidenschaft gezogen waren. Dazu kam noch, daß die beiden Kinder an keinerlei Kirchenglauben Rückhalt hatten. Aber es schützte sie ihre Herzensreinheit und ganz triebhafte Scham. Doch waren sie innerlich entschlossen, einander ganz anzugehören, bevor die blinde Grausamkeit der Menschen sie auseinander reißen würde. Bis dahin hatten sie nie darüber geredet. Diesen Abend aber sollte es ausgesprochen werden.
Ein- bis zweimal der Woche hatte Lutzens Mutter Nachtschicht in der Fabrik. Um in dem abgelegenen Häuschen nicht allein zu bleiben, übernachtete Lutz dann in der Stadt bei einer Freundin. Sie wurde nicht überwacht. Das Liebespaar benutzte diese Bewegungsfreiheit, um einen Teil des Abends beisammen zu sein; manchmal speiste man auch bescheiden in einem kleinen, wenig besuchten Gasthause. Wie sie also an diesem Abende — es war Mitte März — vom Essen kamen, hörten sie das Alarmsignal. Sie bargen sich im nächstgelegenen Unterstand, wie man vor einem Platzregen in ein Haustor tritt, und vergnügten sich eine Weile mit Beobachtungen an der zusammengewürfelten Gesellschaft da unten. Aber da die Gefahr nun schon fern oder abgewehrt schien, ohne daß der Alarm abgeblasen wurde, machten sich Peter und Lutz unter heiterem Geplauder wieder auf den Weg, da sie nicht zu spät nach Hause kommen wollten. Sie gingen gerade durch ein altes dunkles Gäßchen nächst der Sankt-Sulpiz-Kirche und waren eben an einem Fiaker vorbeigekommen, der bei einem Haustore stand; Pferd und Kutscher schliefen fest. Sie waren auf der anderen Straßenseite, etwa zwanzig Schritt entfernt — da erbebte alles: blendendes Rot, stürzender Donner, Prasseln und Klirren losgerissener Dachziegel und zerbrochener Fensterscheiben. Die Gasse macht dort eine scharfe Biegung; dahinter drückten sie sich, eng umklammert, wie angeklebt in eine Mauernische. Beim Aufflammen dieses Blitzes hatte jeder in des andern Augen Liebe und Entsetzen gelesen. Schon war es wieder Nacht um sie, aber noch hörte man Lutzens flehende Stimme: „Nein, noch nicht . . . noch nicht. . .“
Peter spürte auf seinen Lippen im leidenschaftlichen Kuß die Zähne der Geliebten. Sie standen im Dunkel des Gäßchens und hörten das Klopfen ihrer Herzen. Ein paar Schritte weiter waren Leute aus den umliegenden Häusern im Begriffe, den tödlich getroffenen Kutscher unter den Trümmern des Wagens hervorzuziehen; der Unglückliche wurde ganz nahe an ihnen vorbeigetragen; sein Blut träufelte zur Erde nieder. Lutz und Peter waren wie zu Stein erstarrt; als ihr Bewußtsein wieder hell wurde, fanden sie sich so innig verschmiegt, daß ihnen war, als lägen ihre Körper nackt aneinander. Sie lösten die verkrampften Hände und Lippen, die wie Wurzeln das geliebte Wesen hatten einsaugen wollen. Beide überkam ein Zittern.
„Gehen wir heim,“ sagte Lutz, von ahnungsvollem Schreck befallen. Sie zog ihn mit fort.
„Lutz! nicht wahr, du läßt mich nicht aus der Welt gehen, ehe . . .“
„Mein Gott,“ sagte Lutz und drückte seinen Arm, „der Gedanke wär’ schlimmer als der Tod!“
„Mein Liebes!“ das sagten sie gleichzeitig.
Sie blieben wieder stehen:
„Wann werde ich dein?“ fragte Peter. (Er wagte nicht zu fragen: wann wirst du mein?)