»Für Sie ist er ein für allemal das au-delà, in das Sie nicht hineinsehen können, weil Ihnen das Organ dafür fehlt –«
Und indem Dr. Kranich fortfährt, Pipin abzukanzeln, gelangt er dahin, ein glänzendes Bild Elmenreichs zu entwerfen – vielleicht weniger, um Elmenreich zu verherrlichen, als um Pipin zu demütigen. Nach diesem Bilde wird aus Elmenreich ein »Charakter«. Charakter auf niedrigen Stufen der Intelligenz ist, nach Dr. Kranich, weder etwas Seltenes, noch etwas Besonderes; bornierte Menschen sind sogar gewöhnlich charaktervoll, weil sie Scheuleder vor ihrem Intellekt haben, die sie verhindern, rechts oder links zu schauen. Aber Charakter auf hohen Stufen der Intelligenz – das ist das ganz Seltene, das ganz Große. Denn der erleuchtete Mensch muß in jedem Augenblick der Entscheidung den ganzen Reichtum der Motive, die er nach allen ihren Möglichkeiten überblickt, beherrschen und eine Wahl aus überlegener Einsicht treffen. Und als Mensch der überlegenen Einsicht habe sich Elmenreich gezeigt, indem er mit herrlicher Unbeugsamkeit die Annäherung eines Menschen ablehnte, der durch alle seine verkehrten Veranstaltungen bewiesen hat, daß er gänzlich unfähig ist, auf die Bedürfnisse eines anders gearteten Geistes einzugehen.
Pipin macht einen tapferen Versuch, sich zur Verteidigung des Grafen mit Dr. Kranich in eine Auseinandersetzung einzulassen. »Wie? Darf man einen Menschen, der bittet, der sich demütigt, so hart von sich stoßen –?«
Aber Dr. Kranich wirft ihn gleich nieder.
»Ein Mensch, der sich demütigt, ist das Verächtlichste, was es giebt. Er verdient vollkommen den Fußtritt, den er bekommt ... Uebrigens diskutiere ich darüber nicht mit Ihnen. Ich, Pipin – wenn ich einen Adler auf einen Hasen herabstürzen sehe, so werde ich mich über die königliche Pracht des Adlers freuen; Sie aber werden mit dem jämmerlichen Hasen um Hilfe schreien und den Adler niederschießen, wenn Sie können –«
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Mittlerweile war der Brunnhofer-Seppl hereingekommen und fragte um den Grafen. Vor dem Hotel warte der »gspaßige Fremde« auf ihn, der droben bei der Tressenbäuerin einlogiert sei, und habe dringend mit ihm zu sprechen; es sei »drobmat was passiert«.
Dr. Kranich fragte, was denn passiert sei. Da der Brunnhofer Seppl nicht gleich mit der Sprache herauswollte, schenkte ihm Dr. Kranich ein Glas Wein ein und sagte mit seinem malitiösen Lächeln:
»Ich bin mit dem Grafen so vertraut wie du, Seppl; vor mir brauchst du keine Geheimnisse zu bewahren. Sonst, wenn ich einmal schief gewickelt bin –« er drohte ihm mit dem Finger.
Der Brunnhofer Seppl lachte verlegen und machte Dr. Kranich das Kompliment, daß er »allerweil fidel« sei. Aber er sträubte sich hartnäckig, etwas zu verraten.