Es verhielt sich nämlich so:

Die hohe Gnade, die der Tressenbäuerin widerfahren war, hatte den Neid des Teufels herausgefordert, wie das bei allen außerordentlichen Gnadengeschenken des Himmels der Fall ist. Und kaum war der Erzengel Gabriel von ihr weggegangen, so fiel der Teufel über sie her, verdrehte ihr alle Glieder, riß sie beim Kopf, und warf sie so heftig im Bett herum, daß der Brunnhofer-Seppl dem Meister beistehen mußte, sie zu halten. Aber schließlich mußte der Teufel doch wieder abziehen, weil die göttliche Kraft den Sieg über ihn davon trug. Das alles erklärte die Bäuerin selbst, als der Kampf mit dem Teufel überstanden war. Der Meister wollte sie bewegen, etwas Suppe zu sich zu nehmen, denn sie hatte schon seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen; aber sie weigerte sich und sagte, wer von dem himmlischen Brode zu essen bekomme, der brauche keine irdische Nahrung mehr. Dabei war ihr Gesicht so verklärt wie das einer Heiligen. Dann schickte sie alle aus dem Zimmer; es sei ihr angekündigt, sie werde die allerheiligste Jungfrau Maria von Angesicht zu Angesicht sehen und von ihr mit wunderthätigen Gaben gegen den Teufel und seine bösen Werke in der Welt begnadet werden –

Nachdem der Brunnhofer Seppl die Furcht, daß er zu viel »ausplauschen« könnte, einmal überwunden hatte, legte er sich keine Zurückhaltung mehr auf. Er erzählte mit jener atemlosen Gehobenheit, welche die Ueberbringer einer sensationellen Nachricht zu empfinden pflegen; und als er den Lauf der Begebenheiten erschöpft hatte, begann er ungesäumt von vorne. Er schien den Meister, der vor dem Hotel wartete, völlig vergessen zu haben.

Pipin aber war gleich nach den ersten Andeutungen Seppls zu ihm hinausgeeilt; jetzt brachte er ihn mit sich herein.

Der Meister sah sehr niedergeschlagen aus; er setzte sich gedrückt an den Tisch und blickte mit seinen zerstreuten Augen ratlos im Kreise herum.

Dr. Kranich gratulierte ihm zu seinem »schönen Erfolge«, ganz ernst, ohne die leiseste ironische Nuance. Dennoch nahm der Meister den Glückwunsch nicht an.

»Die Sache ist sehr fatal«, sagte er, zu Pipin gewendet. »Ich begreife nicht, wie das geschehen konnte – ich habe keine Gewalt mehr über die Frau – und dazu diese Ideen, die da plötzlich auftreten, ich weiß nicht, woher –«

Er sah sich nervös nach allen Seiten um. Wo denn der Graf bleibe? Man könne die Sache unmöglich länger anstehen lassen; er möchte um keinen Preis noch einen solchen Tag mitmachen, wie den heutigen. Es müsse etwas geschehen – der Graf müsse eine Entscheidung treffen. Denn der Graf habe von allem Anfang an die Verantwortung übernommen. Er selber sei immer nur ungern mit dieser Frau in Kontakt getreten. Man sollte sich nicht mit Medien abgeben, die auf einer anderen Bildungsstufe stehen; da stoße man auf zu viele unbekannte Mächte, die sich der Leitung widersetzen.

Pipin wagte eine Anfrage, ob man wohl daran denken dürfte, einen Arzt zu konsultieren. Diesen Gedanken griff der Meister bereitwillig auf. Es werde hier wohl einen Kurarzt geben? Den könnte man vielleicht dazu bewegen, daß er mit hinaufkäme? Ob Pipin nicht die Freundlichkeit haben wolle, das gleich zu veranlassen?

Aber Dr. Kranich ereiferte sich. Was? Einen Arzt? Unsinn! In solchen Zuständen kenne sich kein Arzt aus, das wisse man doch. Ein Arzt würde höchstens sagen, daß da in unverantwortlicher Weise mit einem labilen Nervensystem herumexperimentiert worden sei, und wohl gar, um seine eigene Hilflosigkeit zu bemänteln, eine Anzeige erstatten. Nein, nur keinen Arzt! Jetzt müsse man den Dingen schon ihren Lauf lassen; jede fremde Hand würde die Sache verpfuschen. Der ganze Fehler sei, daß der Meister contre-coeur und unter dem Einfluß eines fremden Willens operiert habe – unter solchen Umständen ließe sich natürlich die Einmischung anderer Mächte nicht verhüten –