Was er wünsche? Niemals habe er gewünscht, daß ein Zwang auf sie ausgeübt werde, niemals würde er das zugeben! Wenn sie befehle, so verschwinde er für immer aus ihrem Gesichtskreise –
Sie lachte bitter auf. Ja wenn mit diesem Verschwinden etwas gethan wäre! Sie zu vergessen, das wäre für ihn einfach genug; doch sie selbst, wie würde sie weiterleben in diesem Hause, in dem sie von Jahr zu Jahr mehr als das Ueberflüssige, als ein lästiges Anhängsel behandelt werde! Wo sie dahinlebe wie jemand, der kein Recht auf sein Dasein hat, der bloß schandenhalber geduldet wird, weil man ihn nicht losbringt, weil man ihn nicht abschütteln kann, obwohl man ihn knebelt und mißhandelt und mit Füßen tritt –
Da fiel Pipin auf die Kniee und begrub sein Gesicht in den Falten ihres Kleides:
»Eugenie, ich schwöre es Ihnen – fordern Sie, was Sie wollen, ich werde es erfüllen. Sie brauchen nur ein Wort zu sprechen und Sie sind frei – warum sprechen Sie das Wort nicht aus, das mir die Erlaubnis giebt, Sie zu befreien?«
»Sie sind ein guter Mensch, Pipin, aber Sie können mir nicht helfen, Sie können mir nicht helfen!«
Sie stand auf, irrte im Zimmer herum, rang die Hände. »Gott, Gott, warum hat man nicht mehr Gewalt über sich, warum kann man nicht das, was man möchte!« Sie betrachtete ihn traurig.
»Ich weiß, was Sie mir nicht sagen wollen, Fräulein Eugenie. Wie könnte es mir verborgen geblieben sein? Aber habe ich denn die Anmaßung gehabt, es zu verlangen? Glauben Sie mir doch, ich will nichts als Sie glücklich sehen. Ein Lächeln auf Ihrem Gesicht ist eine solche Freude für mich, eine solche himmlische Belohnung, daß mir um diesen Preis nichts zu schwer und nichts unmöglich erscheint ...«
Er unterbrach sich und sah mit feuchten Augen vor sich hin. »Ja, es war keine leere Beteuerung! Mir ist, als ob sie mein zweites, höheres Selbst wäre, für das dieses niedrige und gewöhnliche Selbst, das mein eigenes ist, sich ganz auslöschen sollte, sich ganz und ohne Rest hingeben sollte. Und ich bin ihr so dankbar, so dankbar, daß ich sie so liebe! Daß sie mir diese selige Empfindung geschenkt hat! Es ist etwas, das über alle Worte geht, etwas Unaussprechliches. Und ich konnte es ihr auch nicht sagen. Ich sagte bloß: »Ich will alles, was Sie wollen. Was Sie thun, ist mir recht. Denn ich bin glücklich, daß ich Sie so lieb haben kann!« Aber sie wurde nur immer trostloser: »Ich bin zum Unglück geboren«, seufzte sie, »ich werde Sie nicht glücklich machen, Pipin. Wenn ich Ihre Schwester wäre, könnten Sie mir vielleicht raten, mich vielleicht beschützen –«
»Dann lassen Sie mich Ihren Bruder sein, Eugenie!«
»Nein, o nein, das ist nicht möglich! Ich will mich mit Ihnen verheiraten, ich will Ihre Frau werden, ja, ich will es! Ich habe den festen Vorsatz, ich will es mit allem, was gut in mir ist – und Sie werden mir Zeit lassen, bis ich es mit – mit meinem ganzen Wesen kann, nicht wahr, Pipin? Ich gebe Ihnen mein Jawort, Pipin! Feierlich geb' ich Ihnen jetzt mein Jawort – erinnern Sie mich in jeder Stunde und in jeder Minute daran, lassen Sie mich an nichts anderes denken, zwingen Sie mich, halten Sie mich fest, Pipin!«