Sie warf sich wie aus einem plötzlichen Entschluß an meinen Hals. Ich fühlte, daß durch ihren Leib ein Zittern lief, ein Schauder fast –. Da wagte ich nicht, sie an mich zu ziehen; ich löste ihre Hände von meinem Halse und sagte: »Ja, Eugenie, ich will Ihnen Zeit lassen, ich verspreche es Ihnen.«
Sie aber wandte sich mit einem Ausdruck von mir ab, den ich nicht begriff, mit einem Ausdruck der Enttäuschung, kam mir vor. Gott, hatte ich sie denn mißverstanden? Erwartete sie, daß ich sie zu einem Kusse zwingen würde? Daß ich ihr etwas abnötigen würde, was sie nicht freiwillig und gerne gab?
Sie verabschiedete mich kühl, indem sie sagte: »Gehen Sie nun, und teilen Sie der Mama mit, daß wir uns verlobt haben.«
* * *
(Aus einem Briefe.)
21. September 1893.
... Die Kunde von dem »Wunder« beginnt sich zu verbreiten. Sie steigt hinauf zu den einsamen Huben in den einsamen Hochthälern, wo die Menschen stundenweit von einander entfernt wohnen, wo sie tagelang allein sind, bei der harten, unbarmherzigen, eintönigen Arbeit auf dem steinigen Acker, auf den abschüssigen Wiesen, im feuchtdunklen Wald. Und die Arbeit macht ihre Gesichter faltig und verschlossen, ihre Lippen dünn und schweigsam. Aber hinter ihrer schweigsamen Verschlossenheit verbirgt sich das, was sie aufrechthält von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr, von Jugend zu Alter, das, was sie nicht aussprechen, weil sie keine Worte dafür haben, was nur in seltsamen und unverständlichen Aeußerungen an die Oberfläche dringt. Ist es die Hoffnung auf das Wunderbare, das sich endlich einmal ereignen und die unerbittliche Eintönigkeit des Lebens zerbrechen muß wie eine steinerne Grabplatte, unter der sich der verborgene Mensch als ein Wiedererweckter und Auferstandener erheben wird?
Und so gehen sie in die Kirche, wo das Wunderbare aus festlichen Schnörkeln und Schnitzereien, aus vergoldeten Heiligen und Engeln mit eindringlicher Ueberredung zu ihren Herzen spricht; und so wallfahren sie zu den Gnadenorten, wo sich vor Zeiten das Wunderbare erfolgreich festgesetzt und sich durch die hartnäckige Gewalt des Gebetes noch immer zu ihnen herab bewegen läßt; und so horchen sie mit offenem Munde, wenn über ihre Berge die Kunde geweht kommt, daß ein neues Zeichen geschehen ist. Du lieber Gott, und wenn es sich nun gar in ihrem Landl ereignet, auf dem Grund und Boden, zu dem sie gehören, der wie ein Stück von ihnen selbst ist! Da verfliegt ihr Mißtrauen, ihr Starrsinn, ihre hartköpfige Bauernlogik wie Reif in der Sonne: man kann wieder staunen und schaudern, der eiserne Ring des täglichen Lebens ist gesprengt, jetzt gilt es, den Augenblick zu benützen!
Täglich wächst die Zahl der Besucher.
Alle Krüppel, alle Siechen und Bresthaften, alle, die von Kummer, von Furcht, von irgend einer dunklen und unaussprechlichen Pein heimgesucht sind, für die es sonst nirgends Erleichterung giebt, ziehen herbei. Mühsam und stöhnend schleppen sie sich auf den Gebirgssteigen und Waldpfaden und weichen mit ängstlichen Augen zurück, wenn sie einmal beim Kreuzen eines Promenadeweges einem Fremden begegnen. Die ganze Gegend hat ihr verheimlichtes Elend ausgespien, das sich, solange die Fremden da sind, in den Winkeln der Viehställe, auf den Heuböden, in den Hinterstuben verstecken muß. Jetzt aber giebt es kein Halten mehr. Man führt sie heraus ans Licht, an die Wunderstätte; sie tragen ihre Kröpfe, ihre Eiterbeulen, ihre verkrümmten, ausgemergelten, schlottrigen Leiber an das Bett der Gebenedeiten, durch deren Mund die himmlischen Mächte, die über Segen und Fluch, Heil und Unheil gebieten, ihren Willen kundthun.