Drinnen aber in der niedrigen Stube mit der schwarzen Holzdecke und den weißgetünchten Wänden, in die blaukarrierten Federpölster versunken, weiß und blutlos wie ein Leichnam, liegt die unbewegliche Gestalt. Die Läden sind geschlossen; das Tageslicht dringt nur als Dämmerung zwischen den Spalten herein. Auf einem irdenen Teller neben dem Kopfende des Bettes brennen beständig eine Anzahl kleinerer und größerer Wachskerzen und ersticken die Luft mit ihrem heißen Geruch. Das sind die Opfergaben der Besucher. Schon hat sich ein Ritual herausgebildet, ohne daß jemand wüßte, wie es entstanden ist. Dazu gehört außer der Darbietung der Wachskerze auch ein Trunk und eine Besprengung aus dem Brunnen neben dem Hause, dessen eiskaltes Wasser ununterbrochen in den Holztrog plätschert.
Dort sitzen sie herum und teilen sich im Flüsterton alle wunderbaren Heilungen mit, die sich schon ereignet haben. Keiner von ihnen weiß es aus dem eigenen Munde des Geheilten; aber je ferner er ist, je unauffindbarer, desto sicherer und zuversichtlicher ist ihr Glaube. Und indem sie ihre groben, rauhen Stimmen zu diesem ungewohnten Flüstern dämpfen, verleihen sie dem Wunderbaren erst die rechte Stimmungsgewalt, etwas Feierliches und Unwiderstehliches. Einige verzehren dort ihr Mittagessen – zwei Stücke hartes Schwarzbrot mit einem brüchigen, trockenen, graugelben Landkäse dazwischen – langsam und andächtig, wie Menschen essen, die am eigenen Leibe erfahren haben, was für Plage und Schweiß an aller menschlichen Nahrung klebt. Andere verbinden daneben mit schmutzigen Lappen und Fetzen ihre gichtgeschwollenen Gelenke und wehen Füße, die Wunden, die ihnen das unbarmherzige Klima und der geizige Boden schlägt, der Hunger und der Frost.
Für den Fremden ist es nicht ratsam, sich dort einzudrängen. Dort sind sie nicht die ehrerbietigen, scheuen unterwürfigen Geschöpfe der Dienstbarkeit, die für ein Stück Geld ihre Haut verkaufen. Ihr Mißtrauen gegen den Stadtmenschen, der heimliche Haß gegen ihn, den zu verbergen und zu überwinden sie erst der Nutzen gelehrt hat, steigt dort wieder an die Oberfläche herauf. Sie verstummen, wenn man sich nähert; ihre Mienen nehmen einen finsteren und drohenden Ausdruck an – und es könnte leicht sein, daß ein skeptisches Lächeln oder ein geringschätziges Wort dem Frevler, an dem sie es bemerken, verhängnisvoll würde. Eine Art Instinkt scheint ihnen zu sagen, daß dieses Ereignis nicht von fremden Augen betrachtet werden darf. Und sie sind eifersüchtig darauf; denn es ist eigens für sie vom Himmelvater veranstaltet worden; eine der Ihrigen ist es, die er berufen hat, und so gehört das Wunder ihnen ganz allein.
Neulich begegnete ich auf dem Promenadeweg einem alten Mann. Er humpelte mit unsäglicher Mühe dahin; sein rechtes Kniegelenk war in einem stumpfen Winkel gegen das linke eingebogen; ein Kropf, groß wie ein zweiter Kopf, machte ihm das Atmen fast unmöglich. Als er mich kommen sah, blieb er stehen und stammelte keuchend eine Entschuldigung, daß er sich hier auf dem Promenadeweg antreffen lasse; aber auf dem anderen Weg sei halt das Gehen »gar so viel hart«. Ich fragte ihn, wohin er denn gehe. Da sah er mich prüfend einen Augenblick an; dann deutete er hinauf in die Richtung des Tressensteines; sein verrunzeltes Gesicht, das wie aus Baumrinde geschnitzt war, erhellte sich mit einem Ausdruck unwiderstehlicher Zuversicht, und er sagte freudig: »O mei! Der Himmelvater hat halt do no nöt auf uns arme Leut vergessn!«
Pipin war beim Speisen ausgeblieben.
Später kam er mit Eugenie am Arm, zu seiner Linken den unvermeidlichen Blumenhut, an unseren Tisch.
»Wir stellen uns als Verlobte vor«, sagte Eugenie in einem scherzhaften Ton. »Gratulieren Sie uns, Dr. Elmenreich, gratulieren Sie uns, Dr. Kranich –«
Sie nahm die konventionellen Redensarten mit einem halben Lächeln an, während Pipin mit feierlicher und gerührter Miene dankte.
Dr. Kranich schüttelte ihm über den Tisch hinüber die Hand: –