... Es ist wirklich etwas Unsympathisches in dieser Gegend. Lauter Veduten. Man kann keine halbe Stunde unterwegs sein, ohne daß man auf einen »Punkt« gerät. Und dann steht immer in breitspuriger Gegenständlichkeit ein mehr oder weniger schneebedeckter Berg da, der nichts neben sich aufkommen läßt. Die Natur hat hier ihre Ruhe und Unbefangenheit verloren. Sie gewährt der Seele keinen Raum. Sie ist keine Zuhörerin, sie will immer selber reden. Noch mehr, sie will immer angestaunt werden. Und sie ist durch den Menschen noch ausdrücklich hergerichtet für das Angestauntwerden.

Es giebt hier schauerliche Felsenkessel, in denen verwitterte Trümmer übereinandergehäuft sind, ungeheure Wände, die senkrecht herabstürzen, furchtbare Schluchten, wo eisgrüne Wässer in der Tiefe brausen – aber alle diese Schrecknisse sind unschädlich gemacht durch Geländer, Stege, Brücken, Wegweiser. Man glaubt sich in einer weltverlorenen Einsamkeit, aber plötzlich erblickt man eine Bank mit der unvermeidlichen Inschrift: »errichtet vom Verschönerungsverein«. Das erweckt eine verdrießliche Vorstellung, als wäre einem immer jemand auf den Fersen, als gäbe es keine Stelle mehr, wo man wirklich mit sich allein sein kann.

Und dazu die Kurgäste, diese Parasiten der Natur! Sie stören und verderben sie, sie gehören nicht zu ihr. Der Stil einer Landschaft ist vernichtet, wo die erste Villa steht. Die Villa, das ist die architektonische Verkündigung eines platten und stimmungslosen Lebens, in dem das Vergnügen die Herrschaft führt. Man braucht bloß eine Villa und ein Bauernhaus zu vergleichen, um als Mensch der Stadt etwas wie Beschämung vor den Bauern zu empfinden. Ihnen hat die Natur ihren Ernst und ihre Einfalt aufgeprägt, die harte Selbstverständlichkeit mit der sich das Leben vollzieht. Sie haben noch Stil in ihrer Erscheinung wie in ihren Wohnstätten; man sieht ihnen an, sie leben mit der Natur in einer wirklichen Ehe, die nicht zum Vergnügen der Einzelnen gemacht ist, die man nicht aufheben kann, sobald die Zeiten schlecht werden, in jener strengen und unauflöslichen Ehe, bei der es um Leben und Tod geht, in der man ausharren muß, auch wenn der unerbittliche furchtbare Winter anbricht.

Abseits von allen Punkten und Veduten habe ich eine Stelle gefunden, die nur mir allein bekannt ist – außer den Einheimischen, die nicht zählen. Kein Promenadenweg führt hin, keine Marke bezeichnet die Richtung. Es ist eine Wiese tief im Wald; ringsherum sieht man nur die schwarzen Wipfel der Fichten und darüber den Himmel. Kein Berg, keine Felsenzacken, nichts, was sich aufdrängt, was mitreden will. Eine kleine Blockhütte, in der ein Rest vergilbten Heues vom vorigen Jahre liegt, steht auf der Wiese und am Waldrand gegenüber eine helle, hohe Buche. Mitten unter lauter Fichten eine einzige Buche. Zu ihren Füßen liegt ein großer grauer Stein. Jemand, der lange tot ist, hat einmal die Buche zu dem großen grauen Stein gepflanzt. Aus irgend einem Grunde, den niemand mehr weiß. Aber die Buche und der Stein denken in der Stille daran. Ich liebe die Buche und den grauen Stein wie gute Gefährten, die stumm bleiben, wenn sie sehen, daß man seinen Gedanken nachhängen will ...

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Seit sechsunddreißig Stunden gießt es in Strömen. Das Thermometer zeigt sieben Grad Reaumur. Es ist um elf Uhr vormittags so finster in dem langen Speisesaal, daß die Petroleumlampen angezündet werden müssen. Nun herrscht ein peinliches Zwielicht; alle diese gelangweilten Gesichter sind halb blau, halb gelb, sie werden aber nicht interessanter dadurch. Noch weniger die weiblichen Handarbeiten, die das Regenwetter aus Koffern, Schachteln und Körben herausgetrieben hat. Eine ganze Armee von Kreuzelstichen ist längs den Tischen aufgepflanzt; sie eröffnen eine beängstigende Perspektive auf bürgerliche Wohnungen mit Schutzdecken und Tischläufern und Salongarnituren samt den dazu gehörigen Kaffeegesellschaften und Visiten.

Ein Aechzen und Stöhnen der Langeweile kommt von allen Tischen, an denen nicht Karten gespielt wird.

Elmenreich: »Da sitzen wir also einmal in den Wolken! Aber die Wolken sind Gegenden, die man nur aus der Ferne genießen kann ... Hol mich Gott! Auch die Menschen gehören zu jenen Gegenden, die man nur aus der Ferne genießen kann. Giebt es etwas Deprimierenderes als zweihundert Menschen auf einem Fleck beisammen? Nicht ohne Grund sind alle großen Menschenfreunde, die Heiligen, Propheten und Erlöser, in die Wüste gegangen. Hätten sie denn nicht zusammengesperrt mit zweihundert Exemplaren der Spezies Mensch, alle Neigung zu ihrem Werke verlieren müssen?«

Am Tische nebenan sitzen zwei ältere Herren.

»Ich muß sagen, ich schlafe hier wie eine Kanone. Von zehn bis sieben in einem Zug ohne Aufwachen –«