Pipin hielt mich zurück; als ein genügender Zwischenraum zwischen den Vorangehenden und uns entstanden war, teilte er mir flüsternd mit, bei welchem peinlichen Auftritt er eben Zeuge gewesen sei. Er wollte versprochene Bücher bringen; beim Gartenthor traf er mit dem Oberst zusammen, der angeblich von einem vereitelten Jagdausflug zurückkehrte. Aber diesen Jagdausflug scheine er nur vorgeschützt zu haben, nur darauf angelegt, seine Frau unvermutet zu überfallen. Unglücklicherweise sei sie in der That mit dem betreffenden Herrn, der dem Oberst nicht passe, allein im Garten gewesen. Seine erste Frage war nach Eugenie; denn die Frau habe den strengen Befehl, die Tochter nie allein ausgehen zu lassen – wahrscheinlich damit sie selbst nie unbeaufsichtigt bleibe. Und als es sich nun herausstellte, daß Eugenie nicht zu Hause sei, machte der Oberst eine unerhörte Szene, eine Szene, die jeder Beschreibung spotte. Er schimpfte und fluchte wie ein Hausknecht, ohne sich vor den unfreiwilligen Zeugen zu genieren. Die Frau aber blieb ihm nichts schuldig: und so wäre es fast zu Thätlichkeiten zwischen den beiden gekommen, wenn nicht schließlich die Zeugen sich ins Mittel gelegt hätten – auf die Gefahr hin, von dem Wüterich hinausgeworfen zu werden. »Guter Gott, was für ein Daheim für dieses arme, schöne, edle Geschöpf! Wie schrecklich, diese Existenz zwischen einem rohen Vater und einer leichtsinnigen, ungebildeten Stiefmutter! Eine so herrliche Erscheinung in einer so gemeinen Umgebung! Wenn man sie daraus befreien könnte! Wenn man sie retten könnte!«

Pipin's unbedeutendes Gesicht wurde beinahe anziehend in dem Ausdruck der Empfindung, von der es bewegt war.

Nach einer Pause fuhr er nachdenklich fort:

»In diesem Punkte ist mir Elmenreich unbegreiflich. Wenn ich an seiner Stelle wäre – es ist ja anmaßend und kindisch, sich so etwas vorzustellen, aber wenn ich an seiner Stelle wäre, ich würde – lieber Gott! Ich glaube, ich würde vor Stolz und Glück den Verstand verlieren. Und ihn berührt es weiter gar nicht, er ist ewig verstimmt und schlecht aufgelegt Vielleicht bemerkt er es nicht einmal. Nein, wirklich, er ist mir unbegreiflich.«

* * *

(Aus einem Briefe.)

20. Juli 1893.

... Du hast wohl richtig geraten. Ich fühle selbst, daß ich mich Elmenreich gegenüber verändere. Dir kann ich es ja gestehen: ich fange an, nicht mehr ganz wie früher – was nur? Während ich es nennen will, fehlt mir das Wort dafür. Nicht mehr ganz wie früher an ihn zu glauben? Aber er ist noch immer derselbe rechtschaffene Mensch, der Mensch des überlegenen Urteils, der unbestechlichen Selbsterkenntnis, der Mensch ohne Täuschung über sich und die anderen: kurz, noch immer alles, was ihn mir zu einer imponierenden und verehrungswürdigen Erscheinung gemacht hat. Nur scheint mir – ganz im allgemeinen scheint mir in jeder Freundschaft der Augenblick bedenklich, in dem man die erste Schwäche entdeckt, die erste Unzulänglichkeit. Es ist eine entscheidende Wendung, wie die Wasserscheide auf einer Straße: von jetzt an geht es bergab. Unaufhaltsam! Unaufhaltsam, so gerne man oben bleiben möchte ...

Wie schwer ist es, einen Menschen in seiner Bedingtheit und Unvollkommenheit zu begreifen! Wir wollen immer etwas Ganzes und Fertiges, Helden oder Schurken, Engel oder Teufel. Daß der Mensch als etwas Halbes dazwischen steht, macht ihn unverständlich und ungenießbar.

Aber im besonderen brauchte das nicht zuzutreffen. Es ist doch gar nichts vorgefallen, gar kein greifbarer Anlaß eines Zerwürfnisses, einer Verstimmung. Nein, wirklich nicht das Geringste! Bloß, daß ich immer deutlicher die Empfindung habe, der Elmenreich, den wir vor drei Jahren kennen lernten, sei ein anderer Mensch gewesen als der Elmenreich von heute. Du wirst einwenden, daß sich ein Mensch nicht so rasch verändert, am allerwenigsten in Elmenreichs Alter. Immerhin gäbe es Erklärungsgründe. Es könnte ja der Einfluß des Grafen gewesen sein, der damals günstig auf ihn einwirkte. Nicht etwa, weil der Graf eine so ausgezeichnete Persönlichkeit ist, sondern weil Elmenreich ihn liebte, weil er ihn für eine hoffnungsvolle und vielversprechende Erscheinung hielt. Damals erwartete er doch große Dinge von ihm, wenn er das auch heute nicht mehr zugiebt. Und es muß zu seiner Verbitterung nicht wenig beitragen, daß der Graf einen so ganz anderen Weg eingeschlagen hat. Wie es auch sei: man reißt nicht eine Seele aus seinem Herzen, ohne daß tiefe Narben davon zurückbleiben – –