Oder hätte nur ich mir ein Bild von Elmenreich gemacht, das nicht ganz zutrifft? Und ich wäre einfach im Begriff, die Fehler meines Bildes durch eine genauere Kenntnis zu korrigieren? Unlängst sagte er zu mir unter anderem: »Die Menschen glauben gewöhnlich das von einem, was man selbst über sich aussagt. Sie merken nie, was hinter diesen Aussagen steht, was man mit oder ohne Absicht verschweigt. Und dann erlebt man die merkwürdigsten Ueberraschungen, wenn man zufällig einmal erfährt, als was man in der Vorstellung seiner Nebenmenschen existiert.« Ich war ganz betroffen über diese Worte, denn ich hielt sie für eine Anspielung; aber als ich darauf eingehen wollte, sah ich sofort, daß sie nicht im Entferntesten auf mich gemünzt waren.

Ich habe angefangen, seine Gespräche aufzuschreiben. Dabei verhehle ich mir nicht, daß es ein schlechtes Zeichen ist, wenn man das Bedürfnis empfindet, die Aussprüche eines Freundes schwarz auf weiß zu besitzen ...

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Graf Hermosa teilt die Menschen in drei Klassen: in Geistesmenschen, Naturmenschen und Maniermenschen.

Gestern erläuterte er dieses System vor einem gemischten Auditorium, nämlich vor Elmenreich, Pipin, dem Brunnhofer-Seppl und mir. Auf Grund vertrauter Mitteilungen, die nicht bekannt sind, scheint er den Brunnhofer-Seppl unter die Geistesmenschen zu rechnen, und behandelt ihn vollkommen als seinesgleichen.

Elmenreich und ich waren zufällig vorübergekommen. Kaum erblickte der Graf Elmenreich, als er seine Rede unterbrach und sich ihm in den Weg stellte.

»Ich erkläre; Pipin hat mich darum gebeten«, sagte er in einem demütigen Ton, als müßte er sich entschuldigen. »Pipin hat nicht verstanden; Pipin möchte wissen, wer hinter den verschlossenen Thüren sitzt, und wer aus dem Sumpfe schreit: Pipin hört zu und denkt nach, aber er versteht nicht, er ist noch ein Neophyt. Darf ich um die Ehre bitten, zwei Zuhörer mehr zu haben?«

Elmenreich verbeugte sich formell und blieb einen Augenblick stehen. Er musterte Pipin mit einem mißbilligenden Blick.

Der Graf fuhr in seinem Vortrag fort, mit seiner erloschenen Stimme, die sich kaum jemals über ein Flüstern erhebt in seiner andeutungsvollen, abgebrochenen Weise, die den Eindruck macht, daß er unaussprechliche Geheimnisse, etwas ganz Wunderbares und Unmitteilbares bei sich behält. Es kam mir vor, als rede er ausdrücklich für Elmenreich, als sei alles, was er sagte, an diesen gerichtet, obwohl er sich scheinbar nur an Pipin hielt.

Unter Maniermenschen verstand er die Philister, die Satten und Zufriedenen, die innerlich leer sind und sich deshalb mit konventionellen Begriffen ausfüllen, mit der Ehre, mit der Pflicht, mit der Moral. »Sie sind keine Menschen der inneren Wahrheit, sie sind Menschen der äußeren Manier. Der höhere Typus des Menschen lebt in einem anderen Elemente; er lebt nicht in der Zufriedenheit, sondern in der Sehnsucht. Die Sehnsucht ist der Weg der Erlösung. Der Einfältige, der arm an Geist ist, der Naturmensch, geht den Weg unwissentlich und blind, der Erleuchtete, der Geistesmensch, geht ihn mit Wissen und zielbewußt. Und welchen Weg er auch gehe, es ist für ihn nur ein Weg in jenes Reich, das unsichtbar ist den gemeinen Augen, aber ahnungsvoll gegenwärtig demjenigen, der von der turris eburnea der Eingeweihten die Welt schaut. Wie könnte es für diesen Schauenden noch Sünde geben? Welche That könnte er begehen, die nicht aus ihm selbst ihre Rechtfertigung empfinge? Kann daher der Geistesmensch nicht alles thun, was nach der Ansicht der Maniermenschen ein unauslöschliches Schandmal bildet? Alles – wenn es für seine Seele der Weg der Entfaltung ist? Kann er nicht sein Ehrenwort brechen, nicht stehlen, rauben, morden – und es wird für ihn nur eine Stufe sein –?«