»Das ist nur ein Beweis mehr, daß die meisten Menschen gedankenlos und empfindungsroh sind. Sonst könnte eine so furchtbare Institution wie die Ehe nicht bestehen. Wenn in einem Zirkus zwei reißende Bestien in einen Käfig zusammengesperrt werden und sich zerfleischen, dann schreien die Empfindsamen über Tierquälerei; sie bemerken aber nicht, daß sie selbst alle paarweise in Käfige gesperrt werden, und daß der Mensch in seiner gemeinen Alltäglichkeit das bösartigste Vieh auf der Welt ist. Giebt es etwas Abstoßenderes als diese Tragikomödie der Ehe, in der zwei von Natur aus so feindliche Wesen wie Mann und Weib mit ihren primitivsten Instinkten auf einander losgelassen werden, um sich durch ihre albernen Gewohnheiten und schäbigen Unarten, durch die ganze erbärmliche Notdurft des täglichen Lebens zu Tode zu schinden –?«
»Aber wenn sich die beiden lieben –«
»Desto schlimmer! Sie glauben wohl auch, Pipin, die Liebe ist ein Packesel, dem man alles aufbürden kann, was im Leben lästig und schwierig ist? Und dann: welcher denkende Mensch wird im Zustand des Rausches eine Entscheidung auf Lebenszeit treffen wollen? Verliebt sein, heißt nichts anderes, als eine illusionäre Vorstellung auf eine ganz unbekannte Person übertragen. Wenn man aus Liebe heiratet, erhebt man diese unbekannte Person zur »Lebensgefährtin«, um durch die Erfahrung belehrt zu werden, wie sehr man sich im Zustande der Illusion verrechnet hat. Nein, lieber Pipin, Liebe und Ehe – das sind zwei getrennte Welten, die vernünftige Menschen nicht in Verbindung setzen wollen. Aber kommen Sie so einer höheren Tochter mit dergleichen! Da wird jedes Bedenken über die Ehe gleich als persönliche Beleidigung aufgefaßt, als eine böswillige Betriebsstörung. Heiraten, heiraten, das ist das Alpha und Omega ihres ganzen Denkens. Wenn sie einen Mann kennen lernen, so sehen sie ihn gleich daraufhin an, ob er für sie »passend« ist oder nicht –«
»Nun ja, ja«, unterbrach ihn Pipin etwas ungeduldig. »Das ist aber ganz selbstverständlich, da ja das Heiraten in der That das Alpha und Omega für sie bedeutet. Wie sollten sie denn nicht alle Mittel anwenden –«
Aber Elmenreich ist nicht der Mann, der sich unterbrechen läßt. Er fuhr fort:
»Und dann sieht man erst, wie undifferenziert diese zarten und feinen Wesen sind. Wo die äußeren Verhältnisse entsprechende sind, wird ihnen alsbald auch der Inhaber dieser »Verhältnisse« eine interessante, eine anziehende, eine liebenswerte Persönlichkeit, da verzeihen sie alles, da dulden sie alles, da ertragen sie alles, ganz wie es der heilige Paulus von der Liebe will. Man muß sie nur kennen, diese Virtuosinnen der standesgemäßen Liebe, um zu wissen, was man von ihrem leisen Entgegenkommen und ihren verschämten Anbiederungsversuchen zu halten hat –«
»Sie sind ein Weiberfeind«, rief Pipin mit Entrüstung.
»Nein, lieber Pipin, ich bin nur für reinliche Unterschiede. Die Hochschätzung meiner Person ist mir sehr wertvoll bei Frauen, die an meinen übrigen Verhältnissen nicht interessiert sind. Und was die erotischen Vergnügungen betrifft – nun, wissen Sie, Pipin, wenn schon einmal dafür bezahlt werden muß, dann zieh ich diejenigen Personen vor, die diese nackte Thatsache nicht mit dem Brimborium der Liebe überschminken. Alles in allem: um den Preis der Ehe kaufe ich die Erlaubnis nicht, meine schönen Gefühle durch den täglichen Gebrauch abzunützen.«
»Ach Gott, Sie haben ja gar keine schönen Gefühle, sonst würden Sie nicht so reden«, sagte Pipin verzweifelt. »Was helfen alle diese allgemeinen Betrachtungen, wenn sie auch zehnmal richtig sind? Sehen Sie denn nicht, wie die Sachen liegen? Ein schönes, edles, herrliches Geschöpf schmachtet in der erbärmlichsten Umgebung, wird mit Füßen getreten, muß täglich, stündlich alle Qualen erdulden, die nur immer einem höheren Wesen durch niedrige und rohe Menschen zugefügt werden können – und Sie stellen allgemeine Betrachtungen über die Ehe und die standesgemäße Liebe an! Nein, ich begreife Sie nicht, Herr Doktor! Können Sie da wirklich ruhig zusehen? Sind Sie denn in Ihrem Innern nicht der Meinung, daß da etwas geschehen soll?«
»Ich fühle in meinem Innern durchaus keine Nötigung, mich bei jeder beliebigen Andromeda als Perseus aufzuspielen. Und da Sie mich um meine aufrichtige Meinung gefragt haben, so würd' ich auch Ihnen dringend raten, Pipin, sich vor jedem derartigen Versuch zu hüten. Es sollen Fälle vorkommen, wo die befreite Andromeda sich späterhin selbst in einen Drachen verwandelt, der über den voreiligen Perseus herfällt –«