Pipin knöpfte mit zitternden Fingern seinen Rock zu.

»Verzeihen Sie, aber ich bin wirklich nicht imstande, diesen Ton länger auszuhalten«, sagte er und ging hastig weg, bevor Elmenreich ihn zurückhalten konnte.

* * *

Welche seltsame Gewalt die Stimmung der Umgebung ausübt!

Jemand spielte Orgel in der Kirche. Gedämpft drangen die Töne heraus wie aus einer unbestimmten, raumlosen Ferne; zuweilen schwollen sie heulend an, zuweilen starben sie in ein ersticktes Flüstern hin. Es dämmerte; die tiefherabhängenden Wolken färbten sich mit einem schwermütigen Violett und zerrissen hier und dort. Dann sah man auf graue Felswände oder schwarze Wälder wie auf unbegreifliche fremde Welten. Aber nur in einer kurzen Vision; die Nebel zogen sich wieder darüber, wallten abwärts, aufwärts, in einem lautlosen, feierlichen Spiel, ruhevoll geschäftig wie in verschwiegener Vorbereitung wunderbarer Dinge.

Elmenreich steht neben einem der Grabsteine und betrachtet in tiefem Nachdenken den Rasengrund, der so viele menschliche Leiber verschlungen hat. Nach einem langen Schweigen richtet er sich aus seiner Versunkenheit auf.

»Diese Musik, diese furchtbare Musik! Gehen wir doch fort! Ich kann die Musik nicht ertragen! Sie reißt etwas auf in meinem Innern, das sonst verschlossen ist, und alle dunklen Gestalten kommen daraus hervor, die ich nicht sehen will, die ich nicht hören will –«

In seiner Stimme war jener Ton des Leidens, der immer mitklingt, wenn er von sich selber spricht. Und ich sagte: »Ja, lassen Sie uns gehen. Es ist besser, man räumt der Musik keine Gewalt ein; sie verspricht immer etwas, ohne es zu halten –«

Aber er hörte mich gar nicht, und er ging auch nicht fort. Er blieb an der niedrigen Mauer lehnen, das Gesicht hinausgewendet gegen den Himmel. Die alten, verfallenen Grabsteine ragten neben ihm auf wie Geistererscheinungen, stumme, hoffnungslose Zeugen, daß alles Leben ewig in dem ungeheuren Ozean des Nichts ertrinkt.

Und ich glaubte zu wissen, was in dieser schweigenden, versunkenen Gestalt vor sich ging. Deutlich als hätte ich sie eben vernommen, lebten die Worte in meiner Erinnerung auf, die er einst in einer ähnlich feierlichen Stunde zu mir sagte, die Worte, die einen so großen Eindruck auf mich machten, daß sie mir der Schlüssel zu seinem ganzen Wesen geworden sind.