»Ich bin mit dem Leben unzufrieden, es ist mir eine Last. Und warum sollte ich mich nicht davon freimachen können, wie von einer anderen Plage und Last? Aber ich will die Entscheidung darüber treffen als ein freier und besonnener Mensch; und ich will mir vorher das Leben darauf hin ansehen ein paar Jahre lang. Wir leben für gewöhnlich so blind in den Tag hinein, als ob es sich von selbst verstünde, daß man lebt. Man könnte aber auch das Leben einmal unter der Perspektive seiner Wertlosigkeit betrachten – und in dem Augenblick, als man erkannt hat, daß es nichts wert ist, ein Ende machen, aus freiem Entschluß, mit unbewegter Seele, göttlich überlegen über Tod und Leben ...«

Oft seither, wenn ich ihn stumm und finster vor sich hinbrüten sah, dachte ich mit einem Schauer, daß er vielleicht jetzt über Leben und Tod entscheide. Mit einem Schauer fragte ich mich oft, ob wohl der Termin, den er sich gesetzt hat, abgelaufen sei. Und Elmenreich schien mir aus der Reihe der gewöhnlichen Sterblichen herausgetreten, dem gemeinen Erleben entrückt. Etwas wie eine höhere Mission schien einen Nimbus um ihn zu verbreiten. Er war ein Richter zwischen Sein und Nichtsein. Deshalb löst er alles Geschehen in Reflexionen auf und verwandelt seine Umgebung in bloße Zuhörer. Er sucht keine Antworten, keine Zustimmung, keine Meinung eines anderen. Ein Argument, das er nicht selbst findet, ist etwas Fremdes und Unbrauchbares für ihn. Und er muß immer allein mit sich bleiben und kann niemals von einem anderen etwas empfangen.

Ueber die grauen Wogen des Nebels kam ein Anhauch von Röte heraufgeflogen. Er setzte die Gegend in ein wundersam verheißungsvolles Zwielicht. Morgen, wenn die Sonne heraufsteigt, werden diese Schleier fallen. Dann stehen alle Gipfel in wolkenloser Klarheit am Himmel und erfüllen die Thäler mit dem Glanz ihres Anblicks – die Thäler, für die ihre grauenvollen Schluchten nur sanfte blaue Schatten, ihre tötlichen Einöden nur leuchtende Sonnenflecke sind.

Das Orgelspiel erhob sich zu einer triumphierenden Schlußkadenz. Die Töne rauschten noch einmal laut auf, schwollen in breiten Fluten herein, den Friedhof mit festlichem Brausen umbrandend.

Dann plötzlich tiefe Stille. Entzaubert, ernüchtert lag die Welt in der grauen Dämmerung. Von der Straße leuchteten die ersten Laternen herüber. Es wurde empfindlich kalt; wie Reif senkte sich die Feuchtigkeit als blasser Schimmer auf die Wiesen.

Elmenreich schüttelte sich wie ein Erwachender. Er wendete sich an mich und begann zu reden.

Aber was er sagte, war nicht das, was ich erwartete. Es war bloß der Kommentar zu seinem gestrigen Gespräch mit Pipin. Ich hatte seine schweigende Versunkenheit ganz falsch interpretiert. Und wie ungerecht es auch sein mochte – ich war verdrießlich darüber und nicht geneigt, auf sein Gespräch einzugehen.

»Ist man nicht ein Narr, wenn man sich vor dem Unglück fürchtet? Was könnte mir schließlich dabei geschehen? Unglücklich werden? Als ob ich jetzt glücklich wäre! Was hat man denn davon, daß man im Leben immer mit heiler Haut davongekommen ist, dank seiner Besonnenheit, dank seiner »höheren Einsicht« –? Man leidet zuletzt an seiner heilen Haut eben so sehr als an allen Wunden der Enttäuschung und Verbitterung. Giebt es etwas Lächerlicheres als die Borniertheit der Erkenntnismenschen, die beständig den Ast absägen, auf dem sie sitzen? ... Eine Illusion, ein Königreich für eine Illusion! In diesem einen Fall einmal nichts durchschauen, nichts besser wissen, in diesem einen Fall glauben und vertrauen, blind sein, aber glücklich, glücklich! Ganz hinschmelzen in der süßen Wärme, die von der Illusion ausströmt! Und warum nicht? Es könnte ja etwas Echtes im Hintergrund sein! Möglicherweise ist doch nicht alles Berechnung, Anempfindung, Komödie! Ich könnte mich doch auch einmal täuschen. Dieses Mißtrauen ist vielleicht nur eine andere Art Verblendung. Man müßte sich eben Beweise schaffen, untrügliche Beweise. Hja! untrügliche Beweise für die Menschen des Mißtrauens! Ohne Beweise zu glauben, da liegt's! Das ist die ganze Kunst, zu lieben. – Aber nur vor allem nicht merken, wer da so geschäftig am Werke ist! Wer da so wütend an der Kette reißt! Wer da die Oberseele verleumdet, um die Geschäfte der Unterseele zu besorgen. Eine angenehme Stellung für das Ich, so als beteiligter Zuschauer dabei zu sein, wie sich die Interessen der Gattung und die Interessen der Persönlichkeit in den Haaren liegen! Diesen Krieg zweier entgegengesetzter Instinktsphären in der eigenen Brust mitzumachen! Und etwas schreit nach Glück, nach Glück, nach Frieden, nach Ruhe – nach allem, was einfach ist und widerspruchslos. Zum Teufel mit der Persönlichkeit, wenn sie Händel anzettelt, wenn sie sich auflehnt, wo sie zu gehorchen hätte! Zum Teufel mit der Einsicht, wenn sie das Leben schwer und kompliziert macht, statt es zu erleichtern! ...«

Unversehens fixiert er mich mit einem prüfenden Blick.

»Nun, und Sie sagen gar nichts?« fragt er beinahe vorwurfsvoll. »Sie müssen doch auch einen Eindruck haben, eine Meinung! Man geht doch an einer solchen Erscheinung auch als Frau nicht gleichgiltig vorüber?«