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Im Hausflur wartete Pipin und nötigte mich in sein Zimmer. Dort stand der Tisch mit großen Körben beladen. Er öffnete sie der Reihe nach und wühlte behutsam in der Holzwolle, mit der sie gefüllt waren.

»Ich muß Ihnen doch meine Schätze zeigen« – er hielt eine ungeheure Traube in die Höhe –. »Pompös, was? Da erinnert man sich doch an die biblische Geschichte, wo die Kundschafter aus dem gelobten Land mit der großen Weintraube zurückkommen. Und diese Birnen! Und gar diese Pfirsiche! Muß das eine Freude sein, wenn so ein Prachtexemplar reif wird! Dieser Duft! Diese Farben! Dieser Sammet! Ein wahrer Triumph der Kultur! Und was für ein lieber Gedanke ist es, daß die Natur solche Herrlichkeiten hervorbringt, wenn man sie mit Verstand und Liebe behandelt!«

Er packte aus, räumte ein, packte wieder aus und freute sich wie ein Kind.

Dieses Obst ist für das »Fest des ersten Versuches« bestimmt, zu dem uns der Graf eingeladen hat. Der Meister werde eine Predigt halten, so vertraute mir Pipin an; und der Graf sei voll großer Hoffnungen und Pläne, die aber vorläufig noch tiefstes Geheimnis bleiben sollten. Da aber das Ganze in der Form einer Landpartie vor sich gehen werde, mußte man auch an die Bewirtung denken. Der Graf habe es für unschicklich erklärt, in Gegenwart des Meisters Schinken oder sonst irgend einen »Leichnam« zu verzehren; deshalb ließ Pipin aus Görz diese Früchte kommen, die auch der Meister trotz seiner strengen Lebensweise vielleicht nicht verschmähe. Schon beginne sich die allgemeine Aufmerksamkeit dem »Einsiedler vom Berge Alvernia« zuzuwenden; auf ihren lebhaften Wunsch hin werde auch Fräulein Eugenie mit von der Partie sein – ein Zugeständnis, das Pipin erst nach eindringlichen Bitten von Graf Hermosa erwirkte. Denn der Graf sei bekanntlich ein Sonderling in diesem Punkte; er liebe die Frauen nicht, und je jünger und schöner sie sind, desto weniger. Das heißt: Nicht, als ob er nicht alle Hochachtung vor ihnen hätte; aber zusammen wolle er nicht mit ihnen sein, namentlich nicht mit unverheirateten. Ja, ja, ein merkwürdiger Mensch, Graf Hermosa, nicht ohne Schrullen und Launen, zugegeben, aber groß, kühn, hinreißend. Was für eine Phantasie! Was für eine Leidenschaft! Die Welt, mit seinen Augen angesehen, erscheint wie in bengalischer Beleuchtung. Wenn man ihm zuhört, wird man geneigt, an alle unerhörten Ereignisse zu glauben, an Wunder und große Geheimnisse, denen wir gefühllos und blind gegenüberstehen, während sie sich vor uns abspielen. Kein Zweifel, der Graf wisse mehr von den verborgenen Dingen, als dem gewöhnlichen Verstand offenbar werde, der Graf sei ein Führer in unentdeckte Länder, in unsichtbare Gebiete des Lebens. Wundervolle Perspektiven gebe es dort, herrliche Aussichten, Hoffnungen, so berauschend, daß man nicht mehr begreift, wie man das alltägliche Leben mit seiner platten Nüchternheit ausgehalten hat –

»Sie machen mich ja ganz neugierig, Pipin! Was für Hoffnungen denn, was für Perspektiven? Können Sie mir nicht etwas Positiveres darüber verraten?«

»Positiveres? Offen gestanden, Positiveres weiß ich selber noch nichts. Ich bin erst auf dem Wege, »im ersten Vorhof«, wie der Graf sagt. Und das ist doch selbstverständlich, nicht wahr? Denn ich bin ein gewöhnlicher Mensch, der bis vor kurzem nichts von alledem geahnt hat. Aber vielleicht, mit redlichem Bemühen, werde ich einmal mehr davon wissen.«

»Also bis jetzt sind alle die Herrlichkeiten – Versprechungen?«

»Ja, Versprechungen, wundervolle Versprechungen! Sagen Sie selbst: ist es nicht Zeit? Muß nicht etwas geschehen? Sehen wir nicht alle ein, daß das Leben regeneriert werden muß? Fühlen wir nicht alle im Innersten eine Sehnsucht nach etwas Neuem? Nach einer anderen Form des Lebens? Glauben Sie nicht, daß Tausende und Tausende nur auf denjenigen warten, der ihnen den Weg zeigt? Ja, es muß etwas geschehen, das ist klar. Und es wird etwas geschehen, Sie werden schon sehen. Herrgott, wie ich mich freue, wie ich mich freue!«

Er rieb sich die Hände vor Vergnügen, hob seine Körbe vom Tisch auf den Boden, vom Boden auf die Stühle, von den Stühlen wieder auf den Tisch und sagte dabei nur immer: »So ein Glückskind wie ich! Bin ich ein Glückskind! Wie ich mich freue, nein, wie ich mich freue!«