»Good gracious, giebt es denn hier nur die kleinste Möglichkeit einer bonne fortune? Eine einzige Erscheinung – aber da müßte ich mich mit Pipin und Elmenreich in ein Wettrennen einlassen. Und diese beiden sind doch zu wenig up to date, als daß das einen Zauber für mich haben könnte. So bleibt mir nichts übrig, als mir die Banalität dieses Aufenthaltes mit meinen Reiseerinnerungen zu vertreiben. Ich muß mir von Zeit zu Zeit vorstellen, daß ich nicht hier bin, um es hier auszuhalten. Eben früher war ich in Norwegen. Was ich Ihnen unfreiwillig zum Besten gab, war der Ruf der norwegischen Sennen, wenn eine Kuh sich verirrt hat. Echte Kehllaute, an Ort und Stelle studiert. Dieses Europa hat doch nur mehr Interesse an seinen Grenzgebieten; der Rest ist schauderhaft langweilig. Uniformierte Trivialität. Die Polizei als segensreiche Himmelstochter: überall Sicherheit, Ruhe, Ordnung. Kulturdevise: è proibito di lordare ... Das neunzehnte Jahrhundert kommt mir vor wie ein langer Katzenjammer nach dem Rausch des achtzehnten. Oder wie die gewissen älteren Herren, die tugendhaft werden, nachdem sie sich ausgetobt haben; sie halten ihre Schwäche für Moral.«

Er stand wieder auf und ging mit einiger Nervosität hin und her.

»Wollen Sie nicht lieber einen Spaziergang machen?« fragte er etwas ungeduldig. »Da ich doch das Schweigen im Walde verscheucht habe, ist hier nichts mehr zu holen –«

»Sie vergessen mein Rendezvous, Dr. Kranich –«

»Das heißt, Sie wünschen von mir befreit zu sein, meine Gnädigste. Ja, es ist eine verdammte Sache um die unverhofften Zeugen bei Rendezvous. Die Menschen haben so ein naives Gefühl der Daseinsberechtigung; sie merken nie, wann sie überflüssig sind.«

Er warf aus seinen stechenden schwarzen Augen einen bösen Blick auf mich. Dann lachte er laut auf, mit seinem jauchzenden, triumphierenden Lachen.

»Ja, gnädige Frau, Sie wünschen mich in Ihrem gnädigen Herzen zum Teufel, und ich bleibe da und merke nichts. Wer wird nun eher das Feld räumen, Sie oder ich?«

»Dr. Kranich, ein unverhoffter Zeuge wird doch nichts sein, worüber ein »Herr des Lebens« sich nicht hinwegsetzen könnte?«

»Die lieben Frauen sind aber nie ›Herren des Lebens;‹ sie haben ewig andere Herren über sich. O bitte, das soll keine Lästerung sein: es ist ja eine sehr reizende Eigenschaft dieser teueren Wesen, daß sie so gerne abhängig sind. Ich möchte diese Eigenschaft an ihnen nicht missen. Nur giebt es Lebenslagen, in denen sie einem fatal wird – und die unverhofften Zeugen gehören zu diesen Lebenslagen, nicht wahr, meine Gnädigste?«

Unten aus dem Walde trat eine weiße Gestalt. Sie kam aus einer anderen Gegend, als Dr. Kranich gekommen war; aber sie nahm wie er quer über die Wiese die Richtung nach der Blockhütte zu, ohne zu zögern und ohne sich umzusehen.